ZDF, Freitag, 10. Marz: "Literarisches Quartett"

Daß die Anstrengungen der Theorie, Kriterien für Lite-aturbetrachtung zu objektivieren, umsonst sind, führt aufs kurzweiligste Marcel Reich-Ranicki mit seinem "Literarischen Quartett" vor. Der "Papst" und seine Erzbischöfe beweisen hier, daß, ganz wie in der echten Kirche, ein Argument nur zählt, solange es das Dogma stützt, wobei allerdings die Literaturkritiker bloß ihre Meinung und gerade kein Dogma verteidigen. Reich-Ranicki bewundert an Thomas Bernhard die "Suada der Verzweiflung und der Todesangst", die durch ewige Wiederholung zum Werk anwächst. Bei Elfriede Jelinek aber scheint ihm eine analoge Besessenheit – vom Ekel vor gewalttätigem Sex – eine schwerlich zu legitimierende Denunziation des Fleisches. Da nützt es nichts, daß Sigrid Löffler als Anwältin der Jelinek den Kontext nachschiebt und Hellmuth Karasek als Anwalt der Klarheit auf den Widerspruch hinweist.

Urteile über Literatur, so lernt man hier, sind subjektiv bis auf die Knochen, und sie sind trotzdem kommunizierbar. Was aber herauskommt, wenn schwer belehrbare Kenner ihre Meinungen austauschen, ist Streit. Und der ist sehr wohl ein Wert an sich. Man muß sich nicht einigen, nicht mal immer respektieren. Wenn Sigrid Löffler R.-R’s Elogen auf Hermann Burger mit einem abschätzigen "suggestive Langeweile" konterkariert und Jürgen Busche zu Frau Löfflers Bemerkung über männlich-pornographische Sprache ein Äh-bäh-Gesicht schneidet – von der alerten Kamera prompt eingefangen – wenn Karasek dem gereizten Busche attestiert, dieser sei "keinem Argument mehr zugänglich" und Busche wie der kleine Moritz kontert: "Ich möchte gern die Situation begrüßen, wo Sie ein Argument verstehen können" – dann eskaliert der Disput zum Hickhack. Und damit steigt sein Unterhaltungswert.

Nicht jedes Hickhack unterhält. Wo aber auf ihrem Eigensinn Leute bestehen, die wirklich einen haben, erfährt man vergnügt die Grenzen des rationalen Diskurses. Es ist ja nicht Dissens das Beängstigende, sondern die Schein-Einigung. Es ist nicht die Anarchie das Entmutigende, sondern der getäuschte Glaube an die Ordnung. Das "Literarische Quartett" zeigt unverhohlen die Quintessenz der Fachdebatte: Right or wrong, my ego. Dennoch reden die vier miteinander und konzedieren auch mal was. Und seit die Jüngeren gelernt haben, R.-R. zu unterbrechen, hat die Kontroverse an Farbe und Temperatur gewonnen. Bis gegen Ende gar der häufiger zu vernehmende Ruf: "Nun lassen Sie mich doch mal ausreden!" einen gewissen Hitzegrad anzeigt.

Das "Literarische Quartett" ist gutes Debattenfernsehen, weil der Schein einer ordnenden Vernunft (Moderator) wegfällt und nur die Meinungen sich hart im Räume stoßen. Das halten sie aus, das brauchen sie. Denn die vier Querköpfe – vielleicht mit Ausnahme des konzilianteren Karasek – wollen eigentlich nicht diskutieren, sondern recht haben und beweisen so die Kameratauglichkeit des sonst von der TV-Regie gemiedenen agonalen Impulses. Moderatoren überschätzen in der Regel die Überzeugungskraft des Arguments und ertragen die Meinungsvielfalt schlecht. Ihre Vorliebe für den kleinsten gemeinsamen Nenner führt auch die Spannung ins Minimum. Das "Quartett" erhebt seinen dissonanten Klang jenseits solcher Diskurs-Konstruktionen. Und schon kommt Leben in die Bude. Barbara Sichtermann