Junge Leute, die sich wegen eines Highschool-Besuchs für ein Austauschjahr in einer amerikanischen Familie entscheiden, erleben oft Abenteuer ganz anderer Art, als sie von den Veranstaltern ausgelobt werden. Vor Ort entpuppt sich die „phantastische Möglichkeit, Amerika kennenzulernen“, mit „Parties, Barbecues und anderen Festen“ bei einer „netten, freundlichen und aufgeschlossenen Gastfamilie, die auch über die räumlichen Voraussetzungen verfügt“ (alle Zitate aus dem EF-Katalog), als falsche Versprechung.

Dutzende junger Leute erfuhren im vergangenen Sommer erst Stunden vor ihrem Abflug in die Staaten die Adressen ihrer künftigen Gastfamilien, manche Schüler hörten sogar erst nach ihrer Ankunft in New York, wem sie zugeteilt worden waren. Ein Schuler aus Düsseldorf, der sich eine Familie mit Kindern in Neuengland gewünscht hatte, landete bei einem kranken, älteren Ehepaar in Miami, das dringend Hilfe beim Hausputz und für Einkäufe brauchte. Einem anderen Gymnasiasten wurde von seiner Gastfamilie in Pawnee/Illinois ein Abstellraum ohne Türe und Heizung als Zimmer für immerhin ein knappes Jahr zugewiesen, seine Habe fand der Junge täglich durchwühlt wieder.

Wenden sich die Jugendlichen an die zuständigen „Area Reps“, die regionalen Vertreter der Austauschorganisation, wird ihnen nicht immer Hilfe zuteil. Sven Münster, dessen Mutter schließlich nach etlichen Ärgernissen auf eigene Faust eine neue Gastfamilie für ihren Sohn organisierte, erhielt den Rat, er solle froh sein für das Dach uberm Kopf, die anderen Familien seien auch nicht besser.

Gute Erfahrungen hingegen machte die 17jährige Heike Dickhut, die seit einem halben Jahr begeisterte Briefe aus Jasper/Indiana nach Hause schreibt. Ihre Gasteltern Betty und Terry Brown engagieren sich für die schulischen Belange der jungen Neu-Isenburgerin. Sie stehen in regem Austausch mit Heikes Eltern, und derzeit verbringt die fünfköpfige Familie mit dem deutschen Gast Ferientage auf Hawaii. Ein Glücksfall, der einzige Volltreffer unter lauter Nieten?

Das Austauschgeschäft floriert, und mehr als 95 Prozent aller Interessenten wollen in die Vereinigten Staaten. Die Zahl der Bewerbungen für einen Austauschplatz stieg vor allem bei den gemeinnützigen Anbietern im vergangenen Jahr bis zu 40 Prozent. Jährlich schicken allein die drei Markt-Großen EF Ferienschule, Deutsches Youth for Understanding Komitee und IST Internationale Sprach- und Studienreisen 500 bis 700 Schüler und Schülerinnen über den Atlantik.

Geeignete Gastfamilien sind dabei zur Mangelware geworden. Da sie für ihr Engagement keine finanzielle Vergütung erhalten, gibt es relativ wenige, die sich über Jahre hinweg im Austauschprogramm engagieren. Dazu kommt ein speziell amerikanisches Problem. Das volunteering ein soziales Engagement ohne Bezahlung, gilt in den USA als gesellschaftliche Pflichtübung. Wer sich daher zu einer Schüleraufnahme überreden läßt, tut das – vor allem in kleinen Gemeinden – oft zur eigenen Imagepolitur und weniger aus Interesse an den Schülern.

Die Anbieter stehen da vor großen Problemen. Da die Anzahl qualifizierter Gastfamilien mit der Nachfrage nicht mehr Schritt hält, hilft konsequenterweise nur ein verschärftes Auswahlverfahren, wie es beispielsweise AFS Interkulturelle Begegnungen erfolgreich praktiziert. Der Nachteil liegt auf der Hand: Seit Jahren werden konstant nur etwa 270 Jugendliche vermittelt, ganz gleich, wie groß der Ansturm ist.