Unnötige Doppelbehandlungen sind nicht länger zu bezahlen

Von Hans Harald Bräutigam

Schon der Begriff ist irreführend: Das Gesundheitsreformgesetz stellt in Wahrheit nämlich keine Reform des Gesundheitswesens dar. Unter Reform versteht der Brockhaus „eine die Legalität wahrende Umgestaltung überlebten und verbesserungswürdiger Einrichtungen“. Überlebt und verbesserungswürdig ist das System der Gesundheitsfürsorge in der Bundesrepublik gewiß. Aber das zu Jahresbeginn in Kraft getretene Gesetz vermag bestenfalls Korrekturen, eher kosmetische statt chirurgische Eingriffe durchzuführen, um hier und da Wucherungen unseres chronisch-kranken Gesundheitssystems zu beseitigen.

Die Betroffenen haben vor Schmerzen schon geschrien; die Krankenkassen und die Kassenärzte, die Patienten und die Pharmaindustrie. Das Geschrei wird aber erst richtig losgehen, wenn Arbeitsminister Norbert Blüm tatsächlich den Schneid aufbringen sollte, den größten Verursacher der Kostenflut ein wenig zu bremsen: Es sind die Krankenhäuser, vom Kreiskrankenhaus bis zum Universitätsklinikum, die die Gesundheitskosten in die Höhe treiben, ja treiben müssen, da Anspruch und Erwartung der pflichtversicherten Bundesbürger so schnell in den Himmel wachsen wie die Kosten für die Befriedigung dieser Ansprüche. Im Jahre 1988 waren es rund vierzig Milliarden Mark.

Das Instrumentarium für eine wahre Reform steht zur Verfügung. Der Tübinger Anatomieprofessor Martin-Michael Arnold, der sonst seziert und nicht therapiert, hat es jüngst erst als Vorsitzender der Sachverständigenkommission der konzertierten Aktion im Gesundheitswesen vor Norbert Blüm ausgebreitet. Das Instrument für diesen operativen Eingriff ist solide konstruiert, die Handhabung erlernbar. Es beginnt mit dem Primärarzt.

Spaltung der Krankenfürsorge

Nicht zu verwechseln mit dem „Primarius“, so wird in Österreich ein Chefarzt bezeichnet. Bei uns soll der Primärarzt eher das Gegenteil tun. Er soll der erste, der primäre Arzt sein, den der Patient aufsucht. Mit Verstand, Erfahrung und weniger mit aufwendigen Geräten ausgerüstet, soll er Diagnosen stellen und Behandlungen übernehmen oder an Fachärzte delegieren. Der Primärarzt veranlaßt Krankenhausbehandlungen und andere Leistungen; er sammelt alle Befunde seiner Patienten und leitet die Behandlung. Er entspricht damit sehr genau dem Bild des treatment leaders, den der amerikanische Professor für Vorbeugungsmedizin, David Rutstein, in seinem „Blueprint for Medical Care“ zur Heilung des US-Gesundheitswesens erkoren hat. Die Besoldung des Behandlungsführers soll durch eine Kopfpauschale erfolgen.