Von Michael Schwelien

Altamira, Brasilien

Zuerst hatte José Muniz Lopes noch gelächelt. Nicht wirklich gelächelt, aber ein wissendes Grinsen war es doch, das hin und wieder über sein Gesicht flog. „Wissen Sie eigentlich, was Kararaô heißt“, hatte ihn Paulinho Paiakan, der Häuptling der Kaiapó-Indianer, gefragt, nur um den 300 Kriegern in der Stadthalle von Altamira das Zeichen zu geben, aufzuspringen und José Muniz vorzuführen, was das Wort Kararaô bedeutet. Es bedeutet so viel wie: Wir erklären den Krieg.

Die Indianer, geschmückt mit kurzen, bunten Federhauben, nur mit Turnhosen bekleidet, ein jeder von ihnen mit dem traditionellen spitzen Holzknüppel, manche sogar mit Pfeil und Bogen bewaffnet, stampften mit den Füßen und stießen ein rhythmisches „Ho, ho, he, he“ aus. Einige rannten nach vorne zum Podium, schlugen in Scheinangriffen mit ihren Knüppeln nach dem armen José Muniz, der als Direktor der Planungsabteilung des Energiegiganten Electronorte in das Amazonas-Städtchen Altamira gereist war, um den Kaiapó zu erklären, warum ausgerechnet hier das größte Wasserkraftwerk der Welt – mit dem Namen Kararaô – gebaut werden soll.

Die Kriegsrufe, das wilde Schütteln der meterlangen Speere, die Scheinangriffe auf José Muniz – all das war von Häuptling Paiakan geplant, um dem Vertreter des Elektrokonzerns bildhaft vorzuführen, wie wenig seine Firma über das Leben der Indianer weiß. Und es war wohl auch mit Blick auf die Hundertschaft von Journalisten inszeniert, die Fernsehkameras und Schreibcomputer in den Urwald hatte schleppen lassen, um über den Protest der Indianer zu berichten.

Doch es hatte anscheinend niemand vorausgesehen, daß plötzlich eine Indianerin erregt aufspringen, eine Machete schwingen und sich mit dem Ruf „Energie, was ist Energie, ich brauche das nicht!“ auf den Mann von der Electronorte stürzen würde. Mehrmals zischte das schwere Schlagmesser um den Kopf von Muniz, dessen Züge erfroren. Schließlich hieb die Frau dem nun vollends vor Angst gelähmten Direktor mit der flachen Klinge der Machete auf beide Wangen. Als ein Häuptling sie schließlich zurückdrängte, wurde der Menge im Saal, die sich in entsetzte Schweiger und aufmunternde Zurufer teilte, vollends klar, daß der Angriff auf Muniz ernst gemeint war, keineswegs nur Teil des Rituals.

Andererseits waren auch die Befürworter des Staudammprojekts nicht zimperlich in der Wahl ihrer Methoden. Kurz bevor das fünftägige Protesttreffen begann, war des Nachts eine Salve Gewehrschüsse auf das Indianerlager abgegeben worden. Nur in die Luft, sagte die Polizei, die aber Genaues ohnehin nicht bemerkt hatte, obwohl sie eigens zum Schutz der Kaiapó aus dem fernen Belém nach Altamira geschickt worden war.