Von Barbara Ungeheuer

Ein Flugzeug stürzt nach einem Bombenanschlag über der britischen Insel ab. Auf einer kleinen Insel in der See von Burma durchleiden schiffbrüchig gewordene Mädchen eine mörderische Isolation. Dies sind Ereignisse, die sich zwei Autoren, ein Engländer indischer Abstammung und eine in London lebende Amerikanerin für ihre neuesten Romane ausgedacht hatten.

Als im vergangenen Oktober "Die Satanischen Verse" auf den englischen Markt kamen, wurde Salman Rushdies Phantasterei schon wenige Wochen später im schottischen Lockerbie zur grauenvollen Wirklichkeit. Und kaum hatten im Februar die ersten Exemplare des Romans "John Dollar" die amerikanischen Buchläden erreicht, schon befindet sich die Autorin Marianne Wiggins selber in einer aufgezwungenen Isolation, die sie, wie ihre Protagonistinnen im Buch, niemals vorausahnen konnte.

Die 41jährige Schriftstellerin ist seit einem Jahr mit Salman Rushdie verheiratet. Ihr ist sein Buch gewidmet: vor ihre 215 Seiten starke, kompakte Erzählung schrieb Marianne Wiggins "for beloved Salman".

Wie andere Künstler vor ihnen, die oft schon vorausahnten, was ihre Zeitgenossen doch bloß für absurdes Theater hielten, vermochten sich auch diese beiden stilistisch sehr unterschiedlichen Höhenflieger im literarischen Genre des magischen Realismus niemals ausmalen, was ihnen tatsachlich geschehen würde: eine Zukunft, die weder Konturen hat, noch eine Planung erlaubt. Die Morddrohung zieht von Ort zu Ort mit.

Über das Schicksal der Marianne Wiggins ist bisher, abgesehen von den durchweg positiven Buchkritiken, auch in ihrer Heimat Amerika wenig gesagt oder geschrieben worden. Bei Demonstrationen vor der iranischen UN-Botschaft versammelten sich 200 Mitglieder des amerikanischen Schriftstellerverbandes, und in Soho, an Manhattans Südspitze, las Susan Sontag anderen Schwergewichtlern des amerikanischen PEN Passagen aus den "Satanischen Versen" vor. Und Ringmeister Norman Mailer noch einmal in Großpositur. "Chomeini hat uns die Chance geboten, unsere gebrechliche Religion zurückzugewinnen ... den Glauben an die Macht des Wortes." Weder Joan Didion, noch andere Autorinnen bekundeten ihr Mitgefühl für die Kollegin und die fatale Lage, in der sie steckt. Mitgefangen, mitgehangen oder wie in den Titelgeschichten der westlichen Presse lakonisch formuliert wurde: "Salman Rushdie lebt mit seiner Frau, der amerikanischen Schriftstellerin Marianne Wiggins, in London."

Vor vier Jahren war sie nach London gezogen, nachdem ihr der Erfolg ihres zweiten Romans, "Seperate Checks", die finanzielle Grundlage schuf, ein neues Buchprojekt zu recherchieren. Lang und steinig war der Weg gewesen, bis sie die Leidenschaft des Schreibens hauptberuflich ausüben konnte. Ihre Kindheit und Jugend im Land der Amish People von Pennsylvania war peinvoll. In den wenigen Interviews zur Person spricht sie wie beiläufig vom Selbstmord ihres Vaters, eines fundamentalistischen Predigers, dem kein Geschäft gelang... "einer dieser ‚verlorenen‘ amerikanischen Väter", sagt sie im Gespräch für das Porträt, das in Publishers Weekly anläßlich der Publikation von "John Dollar" erschien. Sind deshalb alle Männer, wenn sie überhaupt in ihrer Fiktion erscheinen, schemenhafte Figuren, weil das Gespenst im Schrank verschlossen bleiben soll?