Geschäftemacher nutzen die Ahnungslosigkeit von Aussiedlern

Von Arne Daniels

Abends beginnt ein reges Treiben auf den Straßen und Wegen des Durchgangslagers Unna-Massen in der Nähe von Dortmund. Die Beamten in den weitverzweigten Verwaltungsgebäuden sind nach Hause gegangen, die schier endlosen Schlangen der Aussiedler vor den Schaltern von Meldestellen, Sozial- und Arbeitsamt haben sich aufgelöst. Für die Menschen aus Polen, der Sowjetunion oder Rumänien bleibt an diesem Tag nichts mehr zu tun in dem bürokratischen Geduldsspiel, Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu werden.

Nun decken sie sich im Rewe-Supermarkt auf dem Lagergelände mit Brot und Wurst, Schnaps und Bier, Zigaretten und Schokolade ein. Andere warten in langen Schlangen vor den Telephonzellen darauf, den Verwandten in Polen oder hier in Deutschland von den ersten Schritten in der neuen Heimat erzählen zu können. Trotz des Nieselregens vertreten sich viele zwischen den eingeschossigen Backsteinhäusern und den provisorisch aufgestellten Baracken die Beine, um der qualvollen Enge in den überfüllten Zimmern oder der stickigen Luft in der mit einigen hundert Betten vollgestellten Turnhalle zu entgehen.

In dem Durcheinander bewegen sich manche, die nicht in den langen Listen der Lagerleitung aufgeführt sind: fliegende Händler, die die derzeit rund 4000 Neu-Deutschen im Lager als ahnungslose Abnehmer von Kochtöpfen und Rheumadecken, von Versicherungspolicen und Teppichen schätzen. Für 280 Mark, erzählt eine ältere Frau aus Polen, wollte ihr ein freundlicher junger Mann ein billiges Besteck und einen Bundeswehrparka andrehen. Die Frau lehnte ab. Der Händler fand einen anderen Abnehmer, nur waren die Preise inzwischen gestiegen: Für 600 Mark hat er den Plunder losgeschlagen – an eine Frau, für die 600 Mark eine nichtssagende Zahl war. Die Lager-Legende erzählt von einem Mann, der einen Vertrag unterschrieb, den er nicht verstand. Wenig später wurden ihm gewaltige Mengen Hühnereier ins Durchgangslager geliefert.

Die Aussiedler, die zu Hunderttausenden mit Autos und Flugzeugen, Bahnen und Bussen in der Bundesrepublik eintreffen, werden nicht nur von Helmut Kohl mit offenen Armen begrüßt. Ihre besondere Situation macht sie für kleine Geschäftemacher und große Versicherungskonzerne zu begehrten Kunden.

Weil sie lediglich mit dem Inhalt von einigen Koffern in das neue Leben starten, haben sie Bedarf an fast allem, was der Mensch so braucht. Jene, die sich während einer Westreise abgesetzt haben, stehen buchstäblich mit leeren Händen da. Viele, gerade aus Polen, kommen zudem in erster Linie, um der katastrophalen wirtschaftlichen Situation in ihren Heimatländern zu entgehen. Entsprechend groß sind Nachholbedarf und Konsumerwartungen. Und schließlich ist kaum einer der Neuankömmlinge mit der härteren Gangart im kapitalistischen Westen vertraut, kaum einer kennt Preise und Gepflogenheiten, Tricks und Rechte. So unterschiedlich die Wirtschaftssysteme sind, so unterschiedlich sind auch die Anforderungen an das Verbraucherverhalten. Überdies verstehen viele Aussiedler kaum ein Wort Deutsch.