Der amerikanische Finanzminister Nicholas Brady fordert, hochverschuldeten Ländern Ki-edite zu erlassen.

War das der Durchbruch? Ende voriger Woche hielt der amerikanische Finanzminister Nicolas Brady vor einem privaten Auditorium in Washington eine mit Spannung erwartete Rede. Sein Thema: das Schuldenproblem der Dritten Welt. Und dabei sprach er etwas aus, was nicht nur bei amerikanischen Regierungsvertretern bisher auf dem Index stand: ein Schuldenerlaß der Gläubiger für die am höchsten verschuldeten Staaten, insbesondere jene in Lateinamerika.

Nicht noch höhere Kredite, sondern weniger Schulden müsse künftig das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gläubigern und Schuldnern sein, forderte Brady. Manchem Bankmann im Saal mag da der Atem gestockt haben, solche Sätze von einem Politiker zu hören, der noch im Herbst vorigen Jahres auf der Jahrestagung des Währungsfonds und der Weltbank in Berlin praktisch jedes stärkere Engagement der amerikanischen Regierung bei der Lösung der Schuldenkrise strikt ablehnte.

Daran kann niemand zweifeln: Der Mann hat eine Kehrtwendung gemacht. Sogar der Währungsfonds und die Weltbank sollen nun nach seinem Willen zusätzliche Mittel erhalten, um den Schuldenabbau in der Dritten Welt zu beschleunigen. Doch merkwürdig, der erwartete Aufschrei bei den privaten Gläubigerbanken – insbesondere bei den stark in Lateinamerika engagierten amerikanischen Großbanken – blieb aus. Manch einer, wie der venezolanische Staatspräsident Carlos Andres Pérez, rügte den Vorschlag als halbherzig und zu zaghaft, aber ansonsten schwiegen die Betroffenen oder fanden lobende Worte wie Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg und sein französischer Kollege Pierre Bérégovoy.

Das hat mehrere Gründe: So sensationell Bradys Bekenntnis zum Schuldenverzicht auch war, so wenig sagte der Mann darüber, wie dies denn geschehen könnte, welchen Beitrag die amerikanische Regierung bei diesem Vorschlag denn zu leisten bereit sei.

Merkwürdig ruhig blieb auch der amerikanische Präsident George Bush. In diesem Stadium könne er sich zu den Vorstellungen seines Finanzministers noch nicht äußern, ließ er verbreiten. Das kann nur eines bedeuten: Noch ist keineswegs sicher, ob Brady in der Regierung den notwendigen Rückhalt für seinen bisher nur sehr vagen Plan finden wird.

Denn das ist klar, die Gegner eines Schuldenerlasses sind mächtig, und sie schlafen nicht. John Reed, Chef der größten amerikanischen Bank, der Citicorp, schrieb schon kurz vor Bradys Rede Briefe an seine internationalen Kollegen, um sie in Reih’ und Glied zu halten. Man wolle zwar konstruktiv bei der Lösung des Schuldenproblems mitarbeiten, aber ein Schuldverzicht komme dabei nicht in Frage, gab Reed die Parole aus. Und ganz in diesem Sinne fragte auch die Financial Times Anfang dieser Woche besorgt, warum Brady es jetzt riskierte, mit solchen ungaren Vorschlägen an die Öffentlichkeit zu gehen?