Der Blick schweift in Taillenhöhe, wir sehen die Welt aus den Augen eines Knirpses. Doch ist es wirklich ein Kind, das da spricht? „Es nieselt. Die Rocksaume von Maman und Aleksandra Lwowna Lei waren geschürzt und an einigen Punkten mit Schnallen an Gummibändern gehalten, die an einem Gummigürtel befestigt waren. Die Gummibänder hießen ‚Pagen‘. Es glänzten die nassen Pflastersteine auf dem Fahrdamm und die Ziegel auf dem Trottoir.“

Ist nicht die Kindheit wie die Zeit der umständlichen Damentoiletten längst vorbei, wenn ein Roman so beginnt? Der Erzähler versteckt sich hinter Beobachtungen des Knaben: ein Mann ohne Eigenschaften, ein Mann wie eine Kamera, so scheint es. Und doch spüren wir von Anfang an, wie er die Bilder aus der Kindheit ein wenig verschiebt. Je genauer er sich in die Wahrnehmung des Schülers hineinversetzt, desto unheimlicher wird uns das. Wir sehen die Innenwelt der Familie, das politische Vakuum, in das das behütete Kleinbürgerkind in der russischen Provinzstadt Dwinsk, dem lettischen Dünnaburg, hineinwächst. Der Beginn des russisch-japanischen Krieges im Jahre 1904 dringt als groteske Störung in die gesicherte Folge der Familienfeste: „Weihnachten war schnell vorbei, und eines Tages teilte eine Expreß-Ausgabe der Zeitung Dwina mit, Japan habe uns überfallen. Noch länger zogen sich nun die Gottesdienste.“

Man kann das Ironie nennen, doch das Geheimnis des Romans ist damit nicht zu erfassen. Die Unterstellung, daß der unvergleichliche Erzählstil eine formale Spielerei sei, hat den Autor das Leben gekostet. Leonid Dobytschin, der bis dahin nur zwei Bändchen mit Erzählungen veröffentlicht hatte, wurde im Januar 1936 auf einer Sitzung des Leningrader Schriftstellerverbandes gleichsam öffentlich hingerichtet.

Nachdem die stalinistische Kulturpolitik gegen musikalische Neuerungen gewütet hatte, stand die Säuberung der Literatur auf dem Programm. Am Fall Dobytschins sollte ein Exempel statuiert werden, der kurz zuvor erschienene Roman „Die Stadt N“ wurde als Paradebeispiel des Formalismus zerrissen. Auf all die Vorwürfe antwortete Leonid Dobytschin nur mit einem einzigen Satz: „Leider kann ich dem, was hier gesagt wurde, nicht zustimmen.“

Dobytschin nahm sich das Leben. Sein Selbstmord, so schreibt der sowjetische Literaturwissenschaftler Wenjamin Kawerin im Vorwort zur deutschen Ausgabe, ähnelt dem japanischen Harakiri, der Schriftsteller tötete sich, „um zu beweisen, daß er die an seiner Schmach Schuldigen verachtet“. Tatsächlich erscheint es heute wie ein hohnsprechendes Mißverständins, daß Dobytschins scharfsichtige Darstellung des unpolitischen Kleinbürgertums als eine „beleidigende Auffassung von der sowjetischen Wirklichkeit“ gelesen werden konnte.

Dagegen steht schon der Wunsch des Romanhelden, so zu sein wie Tschitschikow, die von Nikolaj Gogol ersonnene Verkörperung des Spießers. Dagegen steht auch die seltsame Sehnsucht nach der Stadt N, der provinziellsten und ödesten aller russischen Städte, ein fiktiver Ort, ersonnen wie für „Die toten Seelen“. Nicht anders als in Gogols Roman werden auch bei Dobytschin die Zustände geschildert, gegen die sich die russische Revolution gerichtet hatte.

Die Zeitgenossen waren blind dafür oder haben sich blind gestellt. Der Roman verschwand nahezu spurlos, Leonid Dobytschin wurde vergessen. Sein Name taucht in keiner Anthologie, in keiner Geschichte der sowjetischen Literatur auf.