Köln: „Loïc Le Groumellec“

Der Menhir, das Kreuz, das Haus: Das sind Urbilder zwischen Tod und Leben, kulturelle Zeichen, die in unserem Bewußtsein fixiert sind. Man könnte sich ihrer bedienen, um Geschichten zu erzählen und dabei von Archetypen zu raunen. Der Maler Loic Le Groumellec nimmt sie jedoch zum Gegenstand fremder Bilder, die überraschend und auf durchaus handfeste Weise eindringlich sind. Er vereinfacht die aufragende Form des steinzeitlichen Grabmals. Er reduziert das Kreuz auf seine schlichteste Erscheinung und das Haus auf den simplen linearen Umriß oder die dunkle Flache. Keine Umgebung, auch keine vieldeutigpostmoderne Unterhaltsamkeit – statt dessen die Darstellung von Urformen auf großer Leinwand und die Beschränkung auf körnig strukturierte Bildgründe in vielschichtigen, hellen Brauntönen, die die Motive aufnehmen und teilweise in sie eindringen. Auch wenn es nicht zutrifft, so wirken diese Oberflächen, als seien sie auf Sand aufgebaut: weiße und braune Pinselgesten legen sich zu seinem dichten Gemenge ineinander und bilden einen offenen Fond für schwarze, an den Rändern poröse Linien und Flächen. Mehr als zwei Meter hoch oder breit können diese Bilder sein: Imaginäre Landschaften entwickeln sich in eine unbestimmte Weite, und aus ihrem fast monochromen Raum wachsen die Zeichen – monumental, herausfordernd und stumm. Der 1957 geborene Maler, den die Galerie Karsten Greve gegenwärtig mit einer Kollektion sehr eindrucksvoller Öl-Lack-Gemälde zum ersten Mal in unserem Land präsentiert, ist Bretone. Er studierte – zusammen mit dem französischen „Wilden“ Jean-Charles Blais – an der Kunstakademie in Rennes und lebt heute in Paris. Dabei wirken diese Bilder, als seien sie in einer Eremitage entstanden – extrem und ernst, intensiv und merkwürdig entrückt. Wer sich ihnen nähert, etwa um dem Handwerklichen dieser Malerei nachzugehen, ertappt sich dabei, daß er rasch wieder zurücktritt, um sich eine Distanz zu schaffen, wie sie fernen Exerzitien angemessen ist. Im übrigen existieren die monumentalen Zeichen auch in Miniaturform, als Skizzen, die nicht etwa Bauklötzchen-Häuser und -Steine aneinanderreihen, sondern die auch auf kleiner Bildfläche ihr verhaltenes, ganz selbstverständliches Pathos bewahren. (Galerie Karsten Greve bis zum 4. April, Katalog 30 DM). Ursula Bode

Wiesbaden: „Thomas Virnich“

Am Anfang sind die Dinge, und sie sind gewiß nicht schon im üblichen Sinn – ein altes Puppenhaus, der Teil eines unbrauchbar gewordenen Ruderboots, abgeschabte Koffer und Geigenkästen, Holzstücke, Fragmente einer Welt der Alltäglichkeiten, die ihre Geschichten längst hinter sich haben. Thomas Virnich versammelt sie um sich und nimmt sich ihrer an, indem er ihnen neue Gestalt gibt und neue Geschichten. Skulpturen entstehen aus vielen Fragmenten, die sich zur großen Form zusammenbauen lassen, und die es gestatten, daß man sie auseinandernimmt, damit sie in den Raum hineinwachsen können. Autonome plastische Objekte sind dies, entfaltbare Skulpturen von fragilem Charakter, mit rauhen Oberflächen, von ihrem Vorleben gezeichnet und doch sichtbar zum Kunst-Stück geworden: Verpacktes und Ausgepacktes, ummantelt mit Blei, mit Stoff, mit Pappe, angestrichen, zu- und ineinandergeordnet wie ein dreidimensionales Puzzle. Im Wechselspiel von Innen und Außen, von offener und geschlossener Form, von Verbrauchtem und neu Geschaffenem entwickeln sich Annäherungen an Architektur, an Gebrauchsgegenstände, an Fahrzeuge. Die kleinteiligen Arbeiten zitieren einfache Dinge des Lebens. Sie führen sie dem Betrachter jedoch wie fremde Geschöpfe vor – funktionslos und zerschlissen, und sie verführen ihn gleichzeitig, aus den seltsam entrückten Objekten selbst Geschichten zu entfalten. Eigenständige Form, Materialpoesie, Heiterkeit, Lust an ironisch-literarischer Anspielung prägen Virnichs ernsthaftes Spiel. Der einunddreißigjährige Rheinländer ist unter den Bastlern und Tüftlern seiner Generation eine prägnante Erscheinung, auf wichtigen Ausstellungen vertreten, von privaten Sammlern gesucht. Eine vom Bonner Kunstverein ausgehende Wanderschau zeigt nun Virnichs Arbeiten seit Anfang der achtziger Jahre bis in die kleinste Verschachtelung. Ein Werk von „bestechender Einfachheit und überrumpelnder Komplexität“, schreibt Annelie Pohlen im empfehlenswerten Katalog. Die Bonner Kunstvereinsdirektorin hat die Ausstellung in den weiten Räumen am Hochstadenring zusammen mit dem Künstler lebendig und ausschweifend arrangiert. Eine Einladung für neugierige Wanderer in Zwischenreichen. (Museum Wiesbaden vom 5.3.-7.5. Heidelberger Kunstverein vom 14.5.-25.6.; Katalog 28 DM) U. B.