Von Hans Schuh

Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen auf dem Eiffelturm in Paris und lassen ihren Blick gen Westen schweifen. Nun geschieht etwas Phantastisches. Ihr Blick schärft sich zunehmend, gleichzeitig hebt eine Geisterhand peu à peu die Erdkrümmung auf und unterbindet jegliches Flimmern der glasklaren Luft. Ein unglaubliches Schauspiel bietet sich Ihrem Adlerauge: Immer weiter und weiter erstreckt sich der Atlantik. Welch ein reger Schiffsverkehr! Und tatsächlich – langsam wächst die US-Ostküste am Horizont herauf. Schließlich ist sogar die Skyline von New York auszumachen. Ihr sagenhafter Blick fixiert nun das Empire State Building, gleitet hinauf bis zum 102. Stock, erklimmt dann den Fernsehturm und entdeckt auf dessen Spitze, in golf we trust, einen schneeweißen Golfball!

Zwar entspricht diese transatlantische Geschichte nicht der Realität. Aber es trifft zu, daß demnächst die europäische Raumfahrtagentur ESA zu Vermessung von Sternen einen Satelliten namens Hipparcos startet, dessen Teleskop durchaus in der Lage wäre, über einige tausend Kilometer hinweg noch einen Golfball auszumachen – oder auf der Distanz Erde-Mond einen Mann im Mond zu erkennen. Die Präzision, mit der Hipparcos mißt, entspricht einem winzigen Winkel (siehe Zeichnung) von rund einer Tausendstel Bogensekunde.

Mit dieser Genauigkeit sollen rund 100 000 Sterne vermessen werden. Wenn das 750 Millionen Mark teure Projekt gelingt, dann werden die Astronomen Mitte der neunziger Jahre über einen Sternenkatalog und ein Referenzsystem für Messungen verfügen, das alles bisherige weit in den Schatten stellt. „Die Ernte von Hipparcos dürfte die Astronomie des 21. Jahrhunderts revolutionieren“, schwärmt Roger Bonnet, der wissenschaftliche Direktor der ESA. Auf einer internationalen Konferenz in Turin stellten Anfang März Wissenschaftler und Techniker mehrerer europäischer Universitäten, der ESA sowie der Hauptherstellerfirmen Matra (Frankreich) und Aeritalia den nahezu fertigen Satelliten und seine künftigen Aufgaben der Presse vor. Wenn alles nach Plan verläuft, soll die drei Meter hohe und 1,1 Tonnen schwere, sechseckige Himmelssonde im Juli von einer Ariane-4-Rakete auf eine geostationäre Umlaufbahn gebracht werden.

Gewissermaßen „aufgehängt“ in 36 000 Kilometer Höhe über dem Osten von Afrika, wird sich Hipparcos zweieinhalb Jahre lang präzise gesteuert um seine Achsen drehen und dabei mehrfach das gesamte Firmament absuchen und vermessen. Hierzu „vergleicht“ der Satellit jeweils die Positionen von ausgewählten Sternen in zwei weit auseinander liegenden Himmelsregionen, indem er mittels zweier Spiegel die Bilder dieser Regionen übereinander projiziert. Ein ungeheurer Datenstrom – 24 000 Bit pro Sekunde – wird sich von Hipparcos Richtung Darmstadt ergießen, hinab zum Operationszentrum der ESA. Weil die Daten ein künftiges Bezugssystem ergeben sollen und alle miteinander verknüpft sind, wäre ein Fehler in der Auswertung fatal. Deshalb müssen sich zwei Forschergruppen unabhängig voneinander durch den Wust aus Bits und Bytes beißen, und wehe, wenn ihre jeweiligen Kataloge voneinander abweichen sollten! Dann muß so lange geprüft werden, bis der Fehler entdeckt und ausgemerzt ist.

Doch wozu treiben rund 200 Wissenschaftler aus Europa und Übersee einen solch enormen Aufwand? Worin liegt der Fortschritt, wenn hunderttausend Sterne etwa zwanzigmal genauer vermessen werden als bisher? Enthält doch allein unsere Galaxis rund 100 Milliarden Sonnen, und im Kosmos gibt es Milliarden verschiedener Galaxien. Auch ein Spiegelteleskop von 30 Zentimeter Durchmesser, wie es Hipparcos an Bord trägt, läßt Astronomen, die mit Vier-Meter-Spiegeln umgehen und noch wesentlich größere planen, zunächst nur müde die Achseln zucken. Die Astrometriker – so heißen Forscher, die sich mit dem Vermessen von Sternen herumplagen – gelten ohnehin als die grauen Mäuse der Himmelskunde. Schon 1966 hatte Pierre Lacroüte vom Straßburger Observatorium vorgeschlagen, einen Astrometrie-Satelliten à la Hipparcos zu bauen. Wurde also nach knapp einem Vierteljahrhundert eine Maus geboren, die hoffnungslos hinter dem Fortschritt herrennt?

Mitnichten. Denn in kaum einer Wissenschaft liegen Glanz und Elend so nahe beieinander wie in der Astronomie. So stöbern die einen mit immer gigantischeren Teleskopen ständig neue Sternsysteme fast am Rande des Universums auf, überbrücken also geschätzte Distanzen von mehreren Milliarden Lichtjahren scheinbar mühelos und beeindrucken damit das staunende Publikum. Hingegen stoßen die Astrometriker bereits an die Grenzen ihrer Kunst, wenn sie exakte, direkte Distanzmessungen vornehmen sollen an Objekten, die in einem – vergleichsweise läppischen – Abstand von rund 100 Lichtjahren stehen.