Ohne folkloristischen Rummel kam die Internationale Tourismus-Börse (ITB) in Berlin noch nie aus. Meist sind es in Landestracht gekleidete Frauen, die als schmückendes Beiwerk die Aufmerksamkeit der Besucher auf einen Stand lenken sollen. Diesmal aber war es ein Mann, dem die Augen ungläubig folgten: Willy Huli Tribe aus Papua-Neuguinea. Das Gesicht bunt bemalt, mit wippendem Blattwerk am Lendenschurz – so bewegte er sich durch die dichten Reihen der Messebesucher, die von Halle zu Halle zogen, von einem Kontinent zum anderen sozusagen.

Willy, die halbnackte Attraktion vom anderen Ende der Welt, warb für ein Reiseunternehmen, das Touristen an die Strände der fernen Pazifikinsel locken möchte. Wer sich einen Rest von Sensibilität bewahrt hatte, den machte der Anblick dieses Mannes beklommen, wenngleich eine touristische Fachzeitschrift versicherte, Willy habe „keine Kontaktprobleme“ gehabt auf der ITB. Beim Tauschgeschäft Exotik gegen harte Währung bleiben Scheu und Scham eins ums andere Mal auf der Strecke, nicht nur in den bereisten Ländern. Hatte nicht gerade die ITB oft als Forum gedient, um das Verständnis für die Menschen fremder Kulturen zu wecken und Diskriminierung zu vermeiden?

Auf der ITB aber geht es vor allem ums Geschäft, wer hierher kommt, möchte in erster Linie teilhaben an den pekuniären Segnungen der Wachstumsbranche Tourismus, Industrienationen und sogenannte Entwicklungsländer gleichermaßen. Daß es weiterhin aufwärts gehen wird mit dem Fremdenverkehr, bestätigte Willibald Pahr, Generalsekretär der World Tourism Organization (WTO), anläßlich der ITB-Eröffnung. Nach Erdölproduktion und Kraftfahrzeugherstellung gilt der Tourismus derzeit als drittgrößte Exportindustrie. Auch im zurückliegenden Jahr haben die Besucherströme in die meisten der europäischen und asiatischen Länder wieder zugenommen. Spanien und die Türkei erreichten Rekordergebnisse, und auch die deutschen Reiseveranstalter hatten allen Grund, zufrieden zu sein. Um so mehr bekümmert es die Branche, daß die Kundschaft bisher nur sehr zögernd ihren Urlaub bucht. Diese Enthaltsamkeit bekommen derzeit vor allem die Mittelmeeranrainer Tunesien, Spanien und Jugoslawien zu spüren. Der Studienkreis für Tourismus hat jedoch eine große Reisebereitschaft in der bundesdeutschen Bevölkerung ermittelt, so daß man gespannt sein darf, welche Gründe hinter der gegenwärtigen Verhaltensänderung stecken. Vielleicht legt die Klientel nur deshalb soviel Gelassenheit an den Tag, weil sie auf Sonderangebote wartet. Oder sie bucht die Niedrigangebote kleinerer Veranstalter. Die Reisebüros jedenfalls spüren gegenwärtig nichts von einer Flaute.

Längst floriert das Sightseeing-Geschäft über alle politisch-ideologischen Grenzen hinweg. Veranstalterkataloge offerieren Reisen nach Albanien und Nicaragua ebenso wie nach Kampuchea und Vietnam. Die Sowjetunion könnte weitaus mehr Touristen aufnehmen, fehlte es nicht an Hotelbetten. Auffallend war an dieser ITB, daß bis auf ein paar Ausnahmen alle Länder ihre Touristenzahlen noch beträchtlich steigern wollen. Mehr Hotels sollen gebaut und neue Gebiete zugänglich gemacht werden. So häufig und so euphorisch ging das Wort von den angestrebten Zuwachsraten um, daß man fast glauben könnte, von Umweltbelastung durch den Tourismus sei bisher nie die Rede gewesen. Selbst die südpazifische Insel Tuvalu, von der ITB-Besucher bis dahin nicht einmal wußten, wo sie überhaupt liegt, verkündete unbefangen, daß sie ihren Fremdenverkehr verdreifachen wolle. 300 Australier und Neuseeländer waren es im letzten Jahr, die das nur 8000 Einwohner zählende Inselchen in der Nähe der Fidjis aufsuchten. Nun soll neben dem bisher einzigen Hotel mit sieben Zimmern ein weiteres gebaut werden.

Mit Überraschungen konnte die Reisemesse in Berlin nicht aufwarten, die Novitäten sind von bescheidenem Zuschnitt. So soll es in Island künftig die Möglichkeit geben, auf Bauernhöfen zu übernachten, und Jugoslawien wird nun auch Privatquartiere anbieten. In einigen Mittelmeerländern sieht es so aus, als sei die Lust der Urlauber gedämpft, ihre Ferien an Küsten zu verbringen, die mit Betonbauten zugepflastert sind. Spanien will deshalb verstärkt sein Hinterland ins Gespräch bringen.

Wer die Pressekonferenzen der Länder und Regionen besuchte und im Anschluß daran an den Symposien und Diskussionen der Arbeitsgemeinschaft „Tourismus mit Einsicht“ teilnahm, der konnte glauben, er sei in zwei entgegengesetzte Welten geraten. Mahner und Macher haben sich völlig konträren Interessen verschrieben, Ökonomie und Ökologie im Bereich des Tourismus miteinander zu versöhnen, scheint bis auf weiteres kaum möglich zu sein. Gleichzeitig aber nimmt in vielen Teilen der Welt der Widerstand gegen den Tourismus zu, die Bevölkerung in den Urlaubsländern setzt sich aktiv zur Wehr. Dafür listete die Arbeitsgemeinschaft eine Reihe von Beispielen auf. Dabei sind gerade die sogenannten Entwicklungsländer oft auf die Verdienste aus der Ferien- und Freizeitindustrie angewiesen, weil keine anderen Einkommensmöglichkeiten vorhanden sind.

Die Worte Umwelt und Ökologie sind bisher von Touristikern deshalb so flink übernommen worden, weil sie sich werbewirksam nutzen lassen. Nun besteht die Gefahr, daß die Begriffe zu Slogans verkommen, bevor ihr Sinn voll begriffen wurde und den Goodwill-Bekundungen relevante Taten folgen. vom