Von Ojärs Rozitis

Zur Perestrojka gehört auch ein Gesetz, das den Alkoholkonsum der Sowjetbürger einschränken soll. Seit dem 1. Juni 1985 wird bestraft, wer in der Öffentlichkeit Alkohol trinkt. Dies gilt auch am Arbeitsplatz. Vorgesetzte, die nicht einschreiten, müssen gleichfalls mit empfindlichen Strafen rechnen. Alkoholiker, die ihrer Familie zur Last fallen, können entmündigt werden, und wer sich weigert, eine Entziehungskur zu machen, wird unter Umständen zwangseingewiesen. Bestraft wird schließlich auch, wer Schnaps selbst brennt oder verkauft.

In den eigens dafür eingerichteten staatlichen Läden dürfen alkoholische Getränke erst nach 14 Uhr verkauft werden, und auch das nur für ein paar Stunden. Die Schaufenster sind verhängt, keine Leuchtreklame weist den Weg. Einen Hinweis gibt allenfalls die Käuferschlange, die sich schon mittags vor der Eingangstür bildet. Die Preise sind deutlich erhöht worden, in Restaurants ist der Ausschank streng rationiert, und bei offiziellen Anlässen werden Wodka und Cognac zumeist ganz gestrichen.

In den letzten Jahren ist die staatliche Produktion von Alkohol ständig zurückgegangen. Wer trinken will, hat dennoch immer Mittel gefunden, seinen Durst zu stillen. Haarwasser, Waschmittel, Lacke – ein Alkoholiker in der UdSSR läßt sich nichts entgehen. Die sowjetlettische Kulturzeitschrift Literatura un Maksla nennt außerdem Insektizide, importierte WC- und Badewannenreiniger, Deos, Medikamente gegen Asthma und die Parkinsonsche Krankheit. Außerdem blüht, der Perestrojka zum Trotz, der Handel mit schwarz gebranntem Schnaps.

Wer in der Sowjetunion Auto fährt, darf keinen Tropfen Alkohol getrunken haben. Auch daran hält sich kaum jemand. Nehmen wir das Beispiel der kleinen Ostseerepublik Lettland. Hier hatten sich 1987 insgesamt 3655 Verkehrsunfälle ereignet. In jedem sechsten Fall war der Fahrer angetrunken. Früher wurden Alkoholsünder mit einer Geldstrafe von 100 Rubeln oder mit Führerscheinentzug für ein, zwei oder drei Jahre bestraft. Diese Maßnahmen erschienen den Zuständigen in Lettland jedoch als unzureichend.

So gilt seit dem 1. August 1987 folgende Regelung: Wenn die Betroffenen mit ihrem eigenen Fahrzeug unterwegs gewesen sind, wird dieses zur Strafe besonders gekennzeichnet. Auf dem Nummernschild ist der sonst in Lettland üblichen Folge von vier Zahlen und zwei Buchstaben der kyrillische Buchstabe für das deutsche „P“ vorangestellt. Mit diesem Buchstaben beginnt das russische Wort für Trinker. Die markierten Autokennzeichen sind so lange zu führen, wie der Führerschein entzogen ist. Wer die 100 Rubel bezahlt hat, muß grundsätzlich ein Jahr lang das entlarvende „P“ an seinem Fahrzeug tragen.

Allein im Dezember 1987 nahm die lettische Verkehrspolizei 798 Personen wegen Alkoholmißbrauchs am Steuer fest. In 257 Fällen bekamen die Kennzeichen ein „P“. Warum nicht alle, läßt sich leicht erklären: Bei Fahrzeugen, die sich im Besitz des Staates befinden, wird das Nummernschild selbstverständlich nicht geändert.