Werden die Dogmatiker und Fundamentalisten den Ergebnissen zustimmen?

Von Helga Hirsch

Warschau, im März

Gerade hatte Janusz Onyoskiewicz, der Pressesprecher der Solidarność, sein Bedauern darüber mitgeteilt, daß die Gespräche in den Untergruppen des runden Tisches stockten und eine Verständigung ernsthaft gefährdet sei. Die Regierungskoalition wolle nicht über die Wiederzulassung des unabhängigen Studentenverbandes NSZ verhandeln, bei den Pfadfindern beharre sie auf einer einzigen Organisation, der Zugang zu Radio und Fernsehen solle der Opposition versagt bleiben. Da eilte, atemlos, der Sprecher von Lech Walesa herbei, um den versammelten in- und ausländischen Journalisten das Kommuniqué vorzutragen, das Innenminister Czeslaw Kiszczak gerade mit dem Arbeiterführer nach einem Treffen auf höchster Ebene unterzeichnet hatte: Beide Seiten gingen nicht nur von einem positiven Abschluß der Verhandlungen am runden Tisch aus; sie gaben mit dem 3. April sogar den Zeitpunkt der abschließenden Plenartagung bekannt. Außerdem sicherte Kiszczak im Kommunique die Wiederzulassung des unabhängigen Studentenverbandes zu, die seine Parteigenossen in der Arbeitsgruppe noch wenige Stunden zuvor verweigert hatten. Nun kann NSZ wie Solidarnosc und die Bauernsolidarität mit dem Aufbau legaler Strukturen beginnen.

Allen Anwesenden im Hotel "Europejski" war sofort bewußt, daß das Kommuniqué einen Durchbruch bedeutete: In der fünften Verhandlungswoche eröffnete sich wieder ein Ausweg aus der festgefahrenen Situation. Mit dem Willen zur Übereinkunft würden sich akzeptable Kompromißlösungen in den Teilbereichen finden lassen. Doch obwohl viele Journalisten aus dem Umkreis von Solidarnosc stammten, zeichnete sich eher Beklemmung auf ihren Gesichtern ab. So also sah der Sieg aus? So fernab von den alten Massenversammlungen wurde er ausgehandelt? So hinter verschlossenen Türen? Woher sollte man wissen, ob sich hinter den dürren Floskeln des Kommuniques ein Sieg oder eine Niederlage für Solidarnosc verbarg? Mußte man den eigenen Unterhändlern unter den neuen Umständen vertrauen, ohne sie kontrollieren zu können? "Jetzt haben wir selbst welche ,da oben‘", murmelte eine Solidarnosc-Journalistin bestürzt im Widerstreit der Gefühle.

Die "normale" Demokratie, die keine Volksabstimmung mehr ist, keine Massenversammlung, keine unmittelbare Beteiligung an den Staatsgeschäften, die Repräsentanten und damit Eliten braucht, ist nur schwer von einer Bevölkerung zu akzeptieren, die vierzig Jahre lang von jeder wirklichen Teilnahme am politischen Leben ausgeschlossen war. Wer hätte sich auf dem Höhepunkt der Solidarnosc-Bewegung vorstellen können, daß der Sieg so glanzlos sein würde, so verhalten, so ohne jede Euphorie?

Fast sechs Wochen schon dauern die Gespräche am runden Tisch, sechs Wochen, in denen immer mehr Einzelfragen diskutiert, immer mehr Untergruppen eingerichtet wurden. Der Normalbürger hat den Überblick über den Stand der Verhandlungen vollständig verloren. Es geht um seine Zukunft, gewiß, doch mehr aus Pflichtbewußtsein denn aus Interesse verfolgt er allabendlich die Sondersendung im Fernsehen, in der Sprecher der Arbeitsgruppen in endlosen Erklärungen zu Detailfragen Stellung beziehen. Erschöpfung hat sich breitgemacht. Aber noch immer glimmt ein Funke von Erwartung. Denn was im Augenblick so undramatisch seinen Anfang nimmt, ist die größte Umwälzung im politischen Leben Polens und Osteuropas seit Ende der vierziger Jahre.