Leoš Janáček: „Tagebuch eines Verschollenen“ / „Sinfonietta“

Auf Ladenhüter läßt sich das Marketing nicht vorsätzlich ein. Selbst dem wagemutigen DG-Management wäre das Risiko, dieses, obendrein in der Originalsprache (tschechisch) gesungene Kammerdrama, ins Repertoire zu nehmen ohne die populäre „Sinfonietta“, wohl zu groß gewesen. Daran änderte auch nichts die hervorragende Besetzung (Philip Langridge, Brigitte Balleys, RIAS-Frauenchor, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado). Ein Trauerspiel: noch immer gilt der führende mährische Komponist aus dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts als nahezu unbekannt. Der Grund: die Eigenart seines künstlerischen Ausdrucks sperrt sich gegen raschen Konsum. Die Herbheit, bisweilen Schroffheit und Strenge der motivischen Abbreviatur, insbesondere der vom Idiom der sprachlichen Rhythmik nicht zu trennende musikalische Duktus – dem die Solisten erstaunlich gerecht werden – verlangen nach Konzentration. Gefällig sind die 21 Lied-Kürzel, die Jana-ček nach anonymen Vorlagen aus einer Tageszeitung („Lidové Noviny“) zwischen 1917 und 1919 vertont hat, beileibe nicht. Eine prosaische Liebesgeschichte, die den Geschlechtsakt mit absoluter (textloser) Musik illustriert. Woran es dem ursprünglichen Klavier-Lied-Zyklus bei der Verbreitung hapert, könnte in der nach dem Tod des Komponisten orchestrierten Fassung, erst recht durch die mustergültige Neueinspielung unter Abbado wettgemacht werden. Wieviel Spursinn er dem „Tagebuch“ – ebenso wie Janáčeks letzter und bedeutendster Orchesterkomposition, der 1926 entstandenen „Sinfonietta“ – angedeihen ließ, äußert sich in bewundernswertem philharmonischen Glanz. (DG 427 313-2)

Peter Fuhrmann

Maren Berg: „De Passage – Im Vorübergehen“

Sie kam als Au-pair-Mädchen nach Paris, sie blieb, alsbald begann sie, Chansons zu singen, auf deutsch und französisch. Inzwischen versucht sie sich auch mit eigenen Texten. Vor allem auf der zweiten Seite ihrer neuen Platte hört man ihr gern zu: „Welke Blätter“ von Prévert, deutsch von Biermann; „Leben so die Menschen“ von Aragon und Ferré; „Menschenfresser – Les Requins“ von Rio Reiser, eine leidenschaftliche Rock-Tirade. Zusammen ein sympathischer Versuch, in zwei Kulturen zu leben. „Ich bin eine Pariserin“, singt sie, „ein bißchen romanisch, ein bißchen germanisch.“ (Productions Reine; 21, nie Rousselet; F-75007 Paris)

M. S.