Die Königswinter-Konferenzen der Deutsch-Englischen Gesellschaft darf man getrost als Hochämter der anglo-germanischen Freundschaft der Nachkriegszeit bezeichnen. Doch dieses Mal lag über dem Jahrestreffen und über all den Freundlichkeiten ein Schleier des Zweifels aneinander.

Nur gelegentlich wurde die Skepsis auf den Begriff gebracht. Helmut Schäfer, Staatsminister im Auswärtigen Amt, schloß seine Tischrede mit der Bemerkung: "Wir brauchen keine Modernisierung – (Pause) – der Königswinter-Konferenz." Doch Lynda Chalker, Staatsministerin im Londoner Außenministerium, gab ihm sofort in passender Münze heraus: Die deutsch-englischen Beziehungen blieben in Ordnung, "auch wenn einiges modernisiert werden muß". Jedermann wußte es, doch keiner mochte so recht davon reden: Bonn und London vertreten in der Frage der Modernisierung atomarer Kurzstrecken-Waffen konträre Meinungen – sofern Bonn überhaupt eine klare Meinung hat.

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Schon im vergangenen Jahr hatte Bundespräsident von Weizsäcker den Königswinter-Freunden in einem Grußtelegramm die Frage nach Cambridge ausrichten lassen, wer denn nun eigentlich die wirklichen Pragmatiker, wer dagegen die tüchtigen Prinzipienreiter seien – die Deutschen oder die Briten. In einer off-the-cup-Ansprache nach dem Dinner in der Godesberger Redoute kam er auf diese maliziöse Frage zurück.

Mit der Perspektive wechseln die Profile. Im Blick auf die Ostpolitik formulierte einer der Teilnehmer: Die Deutschen betrachten sich als revisionistische Politiker, sähen indessen die Briten als Status-quo-Macht an. Die Engländer meinten dagegen, sie seien es, die am stärksten auf einen Wandel im Osten gedrungen hätten, wohingegen den Deutschen an einer Stabilisierung der Verhältnisse gelegen sei. Andere Länder, andere Sichten.

Schon im vergangenen Jahr hatten konservative deutsche Publizisten konservative deutsche Politiker vor den englischen Zuhörern vorgeführt – wg. geistiger Knochenerweichung gen Osten. Diesmal flehte ein Leitartikler der nämlichen konservativen Zeitung die Briten regelrecht an, sich einer Europäisierung der Ostpolitik zu erschließen: damit seine deutschen Landsleute sich ja nicht in den Neutralismus davonstehlen. Die Briten kritisierten einander durchaus, aber an ihrer patriotischen Zuverlässigkeit ließen sie keinen Zweifel aufkommen.

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