Der Verdacht kam aus dem Untergrund. Er schlich sich als Skandälchen in die Hamburger Stadtentwässerung, wagte sich weiter in die altehrwürdige Handelskammer und eroberte dann als ausgewachsener Skandal die Bürgerschaft. Eigentlich sollte er noch zu einem Riesenskandal werden, die lokale Presse stellte ihn schon als „handfesten Wirtschaftskrimi“ vor. Doch leider kam es zu peinlichen Verwechslungen. Da schrumpfte der Skandal zur Posse.

Begonnen hatte alles damit, daß die Hamburger Firma Hellmers, die kommunale Fahrzeuge baut, sich bei der Auftragsvergabe durch die Baubehörde der Hansestadt übergangen fühlte. Das mittelständische Unternehmen ist seit 1811 in Hamburg ansässig, doch es bekam von der Stadtentwässerung, einer Unterabteilung der Baubehörde, weniger Aufträge als der Konkurrent Muller Umwelttechnik aus Schieder-Schwalenberg im Weserbergland, obwohl Hellmers in Bremen und anderen Städten mit seinen Kanalreinigungsfahrzeugen erfolgreich ist und angeblich für einige Aufträge gar billigere Angebote machte.

Vor 1984 soll es schon mal gravierende Unterschiede bei der Aufteilung des Vergabevolumens gegeben haben, zugunsten von Müller. Danach teilten sich die beiden Firmen die Aufträge gerecht. Doch im Februar 1989 lag wieder Müller Umwelttechnik vorn. Von sieben Fahrzeugen durften die Hamburger nur eines bauen. „Wir lassen uns das so nicht mehr bieten – wo doch in Hamburg größte Arbeitslosigkeit herrscht“, sagt Otto Schramek, Geschäftsführer bei Hellmers. Er wehrte sich gegen die von ihm vermutete behördliche Willkür – der Skandal nahm seinen Anfang.

Unterstützung bekam er von der Handelskammer in Hamburg. Peter Cordes, Geschäftsführer der Handelskammer, fordert, daß bei öffentlichen Vergaben der Standort der Unternehmen berücksichtigt werden soll, vor allem bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen zweier Angebote. „Andere Städte nutzen den Ermessensspielraum bei Auftragsvergaben und bevorzugen bei gleicher Leistung den lokalen Betrieb. Warum sollen wir päpstlicher als der Papst sein?“ fragt er. Also schrieb die Handelskammer an die Baubehörde. Sie solle offenlegen, wie sie an Geräte zur Reinigung der Siele komme. Der Skandal gewann an Gewicht.

Aufgeschreckt durch die Fragen der Handelskammer warfen sich zwei Abgeordnete der Bürgerschaft für Hellmers in die Bresche. Rainer Wujciak (SPD) und Berndt Roeder (CDU) starteten jeweils eine kleine Anfrage in der Hamburger Bürgerschaft. Darin verlangten sie eine Klärung der Ausschreibungs- und Vergabepraxis bei der Baubehörde.

Den beiden Abgeordneten unterlief bei ihrem Engagement allerdings ein unangenehmer Fehler. Als Konkurrenz zu Hellmers nannten sie in ihren Anfragen nämlich die Firma Kanal-Müller in Schieder-Schwalenberg. Und das Hamburger Abendblatt veröffentlichte diesen Namen in großen Lettern. Es brachte den Skandal – und den Abgeordneten Roeder – groß raus. Roeder wurde dargestellt als Kämpfer für Hellmers und gegen den „roten Filz“.

Doch die Firma Kanal-Müller, bei der die Zeitung „dunkle Kanäle“ vermutete, ist der falsche Adressat. Im kleinen Schwalenberg gibt es nämlich zwei Müllers. Beide sind Spezialisten für Kanalsysteme. Der eine, Kanal-Muller, reinigt, untersucht und saniert Kanäle, der andere, Müller Umwelttechnik, baut die Geräte und Fahrzeuge dafür, ist also der Konkurrent von Hellmers. Die Geschäftsführer der beiden Unternehmen sind Brüder. Sie haben den Betrieb vom Vater geerbt und ihn 1970 in zwei rechtlich und wirtschaftlich selbständige Unternehmen geteilt.