Ein Referendum gegen die 350 Millionen Abgeltungsfranken wollen die Umweltschützer Helvetiens denn auch nicht provozieren: "Wir konzentrieren unsere Kräfte schon auf die Stillegung in Betrieb befindlicher Kraftwerke, allen voran Mühlebergs und des französischen Superphenix in Creys-Malville." Vorrang haben zudem die bevorstehenden Abstimmungskämpfe über zwei Volksinitiativen zur Energiepolitik. Das hinderte aber die Grünen nicht, den Kaiseraugst-Tod am Wochenende mit lautstarken Verurteilungen der "Verschleuderung von Steuergeldern" zu begleiten. Ganz so schicklich, wie sich Bürgerliche und Elektrizitätswirtschaft den Leichenzug vorgestellt hatten, als sie noch mit Entschädigungen bis zu einer Million Franken rechneten, wird er nun nicht sein.

Zwei Jahrzehnte lang hat Kaiseraugst das energiepolitische Klima vergiftet, so daß der nun endgültige Todesstoß allgemein als Akt der Vernunft gewertet wird. Doch ist das jetzt der Anfang vom Ende der schweizerischen Kernkraftnutzung? Christoph Blocher hat seinen sensationellen Begräbnisvorschlag für Kaiseraugst so nicht gemeint. Er rief: "Kaiseraugst ist tot, es lebe die Atomenergie!" Sein Banknachbar im Berner Parlament, Peter Sager, zweifelt freilich an solchem Optimismus. "Die Dramaturgie des Vorgehens bewirkt, daß Atomkraftwerke in der Schweiz auf absehbare Zeit nicht mehr gebaut werden können." Immer wieder unterstreicht zwar die Regierung, daß die Option Kernenergie offenbleiben müsse. Niemand mag indes so recht daran glauben. Zwar bestehen Alternativprojekte: Graben im Kanton Bern, Inwil bei Luzern, Verbois in der West-, Rüthi in der Ostschweiz. Doch ist anzunehmen, daß sich dort, nachdem Kaiseraugst aus der Schußlinie ist, der Widerstand genauso erfolgreich formieren wird. Und die jeweiligen Standortkantone haben wohlweislich die AKW-Vorhaben auf ihrem Boden nur unter der Bedingung mit Wohlwollen begleitet, daß sie nach, nicht anstatt Kaiseraugst realisiert würden.

De facto ist der Tod Kaiseraugsts für längere Zeit das Ende Schweizer Atomkraftwerkbaus. Bleibt Kernkraftbefürwortern einstweilen einzig die Forderung, wenigstens die bestehenden fünf Atomkraftwerke nicht verlottern zu lassen, sondern nachzurüsten. Angesprochen auf Alternativen zur Kernkraft sind die Schweizer Politiker zwar nicht sprach- so doch ratlos. Jährlich wächst der Stromverbrauch des Landes um drei bis vier Prozent. Angesichts dieser Zahlen löst etwa die jüngste Energiesparkampagne von Energieminister Adolf Ogi, mit viel Publizitätsgetrommel unter dem Motto "Bravo" angekündigt, bloß Lächeln aus: Mit den neuen Eierkochmethoden Ogis und der Kloreinigung mittels Essig statt Putzmitteln wird sich der Energiekonsum kaum stabilisieren lassen. Nun rächt es sich, daß in der Schweiz, wie der einflußreiche freisinnige Politiker Ulrich Bremi moniert, "vor fünfzehn Jahren das Parlament aufgehört hat, energiepolitische Weichenstellungen vorzunehmen". Obschon das Volk binnen fünf Jahren gleich fünfmal wegen Energieabstimmungen zu den Urnen gerufen werden mußte, wurde eigentlich nichts entschieden.

Michael Kohn, lange Jahre Helvetiens vielgehaßten Energiepapst, zeichnet bereits das Alptraumbild eines Energie-Entwicklungslandes Schweiz: Tausende von Arbeitsplätzen gehen verloren, technisches Know-how des Atomtechnologieexportlandes Schweiz wird preisgegeben, Forschungskapazitäten an Hochschulen schlummern. Das üble Schlagwort zirkuliert: "Die Schweiz, ein Land ohne Bodenschätze – nun auch beim Strom dem Ausland ausgeliefert!" In der Tat bietet sich als kurzfristig gangbarer Weg einzig der Stromkauf in Frankreich an. Die Elektrizitätsversorger stehen bereits in engem Kontakt mit der Electricite de France. Das hingegen beunruhigt gerade die vehementen Gegner neuer Schweizer Atomkraftwerke: Wenn schon die Sicherheit im Musterland Schweiz ihrer Ansicht nach keineswegs gewährleistet ist, wie steht es denn mit der Sicherheit im Ausland? Nicht wenige große französische Kernkraftwerke, darunter der umstrittene schnelle Brüter Superphenix, stehen nur wenige Kilometer von den eidgenössischen Grenzen entfernt.