Von Erika Martens

Am Morgen danach gab sich Peter Klemm, Pressesprecher des Bundesverbandes Druck, ganz cool: "Gruner+Jahr ist eines von 6000 Mitgliedern. Nun haben wir eben nur noch 5999 Betriebe." Doch ganz so gelassen scheint die Stimmung im Arbeitgeberlager nach dem Austritt des weltbekannten Hamburger Druck- und Verlagshauses denn doch nicht zu sein.

Als der Vertreter von G+J seinen Mitstreitern in der Schlichtungskommission am Donnerstag vergangener Woche um 18.45 Uhr die fristlose Kündigung seines Hauses überreichte, war die Überraschung jedenfalls groß. Nach drei regulären Tarifrunden und 115 Stunden Schlichtungsgesprächen standen die Manteltarifverhandlungen für die fast 200 000 Beschäftigten in der Druckindustrie endlich vor dem Abschluß. Doch die Erleichterung, die sich gerade breitzumachen begann, war plötzlich wieder dahin.

Während der Bundesverband Druck nach außen hin den Schein wahrte, machten die Zeitungsverleger aus ihrer Empörung und Verbitterung keinen Hehl. Claus Detjen, Hauptgeschäftsführer ihres Verbandes, nennt das Verhalten von G+J schlicht "unerträglich". Die Zeitungen seien zur Solidarität aufgefordert worden und hätten Streiks hingenommen, obwohl aus ihrer Sicht der Vertrag mit der IG Druck schon am Dienstag abend hätte unterschrieben werden können. Erst jetzt aber habe man erfahren, das Gruner+Jahr sich "längst aus der Solidarität der Arbeitgeber verabschiedet" habe.

Erbost verweist Detjen auf einen Brief des G+J-Managements an die Mitarbeiter. Darin verspricht die Unternehmensleitung von Gruner+Jahr bereits am 9. Februar, also genau vier Wochen vor dem Abschluß der Tarifverhandlungen, "keinen Mitarbeiter" auszusperren, "der während des Arbeitskampfes zum Unternehmen steht und nicht streikt, auch wenn dieses vom Arbeitgeberverband beschlossen werden sollte". Dieses Schreiben habe "große Verärgerung" ausgelöst.

Verfasser Jochen Frangen, Leiter des Unternehmensbereichs Druck bei G+J, wehrt sich entschieden gegen die Vorwürfe. Der Brief sei mit dem Landesverband abgestimmt worden. Außerdem habe G+J noch am 3. März angeboten, keine Produkte auf den Markt zu bringen, wenn Konkurrenzobjekte vom Arbeitskampf betroffen wären. Das Unternehmen habe also durchaus versucht, eine einheitliche Linie im Arbeitgeberlager zustande zu bringen. Der Vorschlag sei aber nicht akzeptiert worden.

Im zuständigen Landesverband Nord der Druckindustrie wird der Vorstand in der kommenden Woche darüber entscheiden, ob die fristlose Kündigung des wichtigen Mitglieds wirksam wird. Für einen solchen Schritt, so Geschäftsführer Dietrich Mehnert, müsse es einen "wichtigen Grund" geben.