Vieles spricht für Tauwetter am Kap, doch das politische Großklima bleibt frostig

Von Marion Gräfin Dönhoff

Johannesburg, im März

Das wäre vor zehn Jahren, nein, noch vor zehn Monaten, ganz undenkbar gewesen: Pretoria hat Amerikaner und Russen – wohlgemerkt: auch die Russen – gebeten, doch darauf hinzuwirken, daß die brutalen Aktionen der Renamo-Rebellen in Moçambique gestoppt werden, damit der zwölf Jahre währende Bürgerkrieg, in dessen Verlauf schätzungsweise 600 000 Menschen umkamen, endlich ein Ende findet.

Jahrzehntelang haben die südafrikanischen Regierungen – vor allem Botha, aber auch seine Vorgänger – die Russen mit Fleiß systematisch zum Schreckgespenst stilisiert. Die Angst vor den Sowjets, die angeblich nur eins im Sinn haben, Südafrika wegen der Bodenschätze und wegen seiner strategischen Lage unter ihre Botmäßigkeit zu bekommen, wurde erst entfacht und dann benutzt, um die Bevölkerung zu disziplinieren. Jeder Schwarze sei ein potentieller oder aktiver Kommunist, so hieß es. Und alle miteinander stellten sie die fünfte Kolonne Moskaus dar. Damit war jeder Schwarze ein Feind und der Versuch, ihn von der Macht fernzuhalten, eine patriotische Tat.

Nun sollen die Russen plötzlich helfen, Frieden zu stiften? Das ist eine Wendung weg von irrationalen Emotionen, hin zu pragmatischer Politik. Eine höchst erfreuliche Entwicklung. Aber die Bürger – Weiße wie Schwarze – staunen erst einmal ungläubig. Sie werden noch verblüffter sein, wenn Ende des Monats zum erstenmal, seit der Botschafter Moskaus 1954 von Pretoria ausgewiesen wurde, eine größere Zahl sowjetischer Funktionäre und Offiziere als Beobachter der Angola-Friedensvereinbarung südafrikanischen Boden betreten. Außerdem sollen demnächst offenbar sowjetische Korrespondenten in Südafrika akkreditiert werden, und es gibt Gerüchte, daß beide Länder die Absicht haben, wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Das ist eine Wende, wie sie nicht mehr stattgefunden hat, seit Trotzkij – angeregt durch eine Revolte der weißen Minenarbeiter – im Jahre 1922 das Kommunistische Manifest in Afrikaans übersetzen ließ.

Vielleicht noch verwunderlicher aber ist die öffentlich bekundete Reue der NGK, der weißen, niederländisch-reformierten Kirche, die zuvor bis zur Absurdität, ja, bis zur Pervertierung des Christentums den Schwarzen jeglichen Zutritt zur weißen Kirche versagt hat. In einer Sitzung dieser Kirche ist nun in der vorigen Woche die Apartheid zur "Sünde" und jeder Versuch, sie zu verteidigen, zur "Häresie" erklärt worden.