Von Matthias Naß

So hatten sich Chinas Kommunisten den Jahrestag der "demokratischen Reform" in Tibet gewiß nicht vorgestellt: Militär patrouillierte durch die Straßen von Lhasa, vorbei an zerborstenen Fensterscheiben und rauchgeschwärzten Häuserfassaden, hinter denen sich die Einwohner angstvoll verborgen hielten. Am Dienstag vergangener Woche verhängte die Zentralregierung in Peking das Kriegsrecht über die tibetische Hauptstadt – drei Tage, bevor sich der Volksaufstand gegen die chinesiche Herrschaft am 10. März 1959 zum dreißigsten Mal jährte. Es bedurfte nur eines Funkens, und wieder loderte der Haß der Tibeter gegen die Besatzer auf, entlud sich stummer Zorn in blutiger Gewalt.

"Ich sah chinesische Polizisten, die wie wild auf Tibeter einschlugen und sie traten, und ich sah Tibeter, die unschuldige Chinesen steinigten", schilderte der Korrespondent des Guardian den Aufruhr, der sich an einer Demonstration von dreizehn Mönchen und Nonnen entzündet hatte. Bald waren es Hunderte, die "Unabhängigkeit für Tibet" riefen und die verbotene tibetische Flagge schwangen; ein entfesselter Mob plünderte chinesische Läden und Restaurants, warf Büroeinrichtungen auf die Straße und setzte Amtsstuben in Brand. Die Staatsmacht schlug brutal zurück. Mit automatischen Waffen feuerte die Polizei ziellos in die tobende Menge. Die offizielle Bilanz nach drei Tagen: sechzehn Tote, mehr als hundert Verletzte.

Alle Ausländer mußten Lhasa verlassen. "Nun gibt es keine Zeugen mehr", erklärte der Dalai Lama in seinem nordindischen Exil. Das religiöse Oberhaupt der Tibeter, vor den Chinesen 1959 mit hunderttausend Landsleuten über die Grenze nach Süden geflohen, befürchtet, aus seiner Heimat könnte ein "Schlachthaus" werden. In einer Botschaft rief der Dalai Lama den amerikanischen Präsidenten Bush, den sowjetischen Parteichef Gorbatschow und rund 40 andere Staats- und Regierungschefs auf, sich in Peking für sein Volk einzusetzen.

Doch der Appell des Dalai Lama dürfte – wie so oft – ungehört verhallen. Das State Department in Washington und das Foreign Office in London bekundeten in gewundenen Formulierungen ihre Sorge um den "Verlust von Menschenleben", andere Außenämter blieben gänzlich stumm. Peking verbat sich selbst die zaghaften Mahnungen der Amerikaner und Briten. "Tibet ist eine innere chinesische Angelegenheit", erklärte der Sprecher des Außenministeriums barsch.

Als Drahtzieher hinter dem Aufruhr sieht die chinesische Führung "die tibetische Separatistenclique im Ausland", die als Urlauber verkleidete Leute nach Tibet geschickt und Waffen ins Land geschmuggelt habe. Doch Touristen in Lhasa haben allenfalls Schleudern aus dem Haar von Yak-Rindern in den Händen tibetischer Jugendlicher gesehen. Schüsse, berichteten sie, habe nur die Polizei abgegeben. Nicht von ungefähr indes hat Peking mit der Verkündung des Kriegsrechts zum schärfsten Instrument gegriffen, das die chinesische Verfassung bei inneren Unruhen bietet. Die Regierung sorgt sich über eine Radikalisierung unter den jüngeren Tibetern. Untergrundorganisationen mit Namen wie "Freiheitsbewegung von Tibet" und "Tiger und Drachen" bereiten ihr zunehmend Kopfzerbrechen.

Mit dem unerwarteten Tod des Pantschen Lama Ende Januar hat Peking einen wichtigen Verbündeten verloren. Der zweithöchste Religionsführer der Tibeter hatte nach dem Einmarsch der Truppen Mao Tse-tungs im Oktober 1950 stets mit der kommunistischen Führung zusammengearbeitet. Diese würdigte ihn nun als einen "großen Patrioten" und "hingebungsvollen Freund der kommunistischen Partei Chinas". Die Tibeter rief sie auf, seinen "Geist der Liebe" gegenüber der Partei und "dem sozialistischen Vaterland weiter zu entfalten".