Von Christoph Bertram

Paris, im März

Bis vor kurzem noch schien es, als stünde die Lokomotive Westeuropa unter Dampf und wartete nur darauf, sich in Bewegung zu setzen – hin zum Europäischen Binnenmarkt und danach gar zu einer Politischen Union Westeuropas. Im Führerhäuschen der Lokomotive standen drei Männer bereit, um den europäischen Zug in ein neues Zeitalter zu lenken: François Mitterrand, Staatspräsident im Pariser Elysee-Palast, vor knapp einem Jahr für eine zweite siebenjährige Amtszeit gewählt; Helmut Kohl, seit 1982 Kanzler in Bonn und mit guten Aussichten, es bis Mitte der neunziger Jahre zu bleiben; und Jacques Delors, Präsident der EG-Kommission in Brüssel, der bis 1992 dort residieren könnte.

Aber inzwischen – so schnell geht das in der Politik – sieht das Team, von Delors abgesehen, grau und grämlich aus. Helmut Kohl, vielleicht der letzte überzeugte Europäer unter den Bonner Kanzlern, kämpft zu Hause ums politische Überleben. Und François Mitterrand, dem die Franzosen zwar ein klares politisches Mandat, aber keine Mehrheit in der Assemblée Nationale gewährten, regiert lustlos und glanzlos vor sich hin. Schon flüstern die Pariser Auguren, daß der heute 72jährige sich in ein paar Jahren vorzeitig zurückziehen werde.

Und wie das so ist, wenn Elan und Führungskraft erlahmen: Schon rühren sich die Bremskräfte. Irritationen und Nervositäten häufen sich, auch zwischen den traditionellen Partnern Bonn und Paris, dem couple franco-allemand.

Die jüngste und gewiß nicht die letzte dieser Irritationen trat ausgerechnet auf der Konferenz über konventionelle Abrüstung zutage, die zu Beginn der letzten Woche in der Wiener Hofburg begann – in jenem Prunksaal "viribus unitis" des alten Kaisers Franz-Josef. Nicht "den geeinten Gefährten" galt dieses Motto, wie in der ZEIT irrtümlich übersetzt, sondern "den vereinten Kräften" – aber Hans-Dietrich Genscher und sein französischer Kollege Roland Dumas wurden weder der falschen noch der richtigen Version gerecht. Denn der Franzose tanzte mit einer Bemerkung in seiner Rede aus der Reihe, die Bonner Diplomaten und manche Gazetten in helle Aufregung versetzte. Wieder einmal schien Frankreich eine Sonderrolle spielen und – schlimmer noch – der Bundesrepublik eine Sonderbehandlung verschreiben zu wollen.

Dumas hatte zunächst das Nato-Konzept referiert, demzufolge die große Landmasse zwischen Atlantik und Ural, um die es bei den Verhandlungen geht, in bestimmte Unterregionen unterteilt werden soll. Das ergibt militärisch einen Sinn. Ein Panzer in Spanien ist nun einmal in seiner Einsatzfähigkeit für Überraschungsangriffe in der Mitte Europas anders zu bewerten als ein Panzer in der Bundesrepublik oder der DDR. Und wenn es zu den angestrebten Rüstungskürzungen kommt, dann sollen die Bündnisse nicht im fernen Hinterland kappen und ihre Waffen beliebig in die vorderen Abschnitte verlagern dürfen, sondern umgekehrt, von vorn nach hinten. Gerade die Nato-Stäbe bestanden darauf, durch regionale Abstufungen in diesen großen Reduzierungsraum militärische Schotten einzuziehen.