Von Gerhard Spörl

Frankfurt, im März

Am Tag danach will Volker Hauff eigentlich bei einer Anti-NPD-Kundgebung vor dem Römer sprechen. Dort stehen rund 8000 Frankfurter im Nieselregen beisammen, ein Meer aus roten und blauen Gewerkschaftsfahnen und eine emphatische Wiedereinübung in den Antifaschismus, die denn doch ziemlich überzogen wirkt.

Am Nachmittag sagt Hauff seinen Auftritt ab. Die Lage ist, so schätzt er sie wohl richtig ein, weder nach lärmendem Klagen unter freiem Himmel noch nach Fortsetzung des Wahlkampfs mit anderen Mitteln. Lieber entwirft er einen Brief, in dem er „die demokratische Mitte“ der Stadt zur Zusammenarbeit einlädt und zur Versöhnung auffordert. Eine Geste – und doch mehr; denn der bürgerliche Friede ist in Frankfurt in den letzten Wochen empfindlich gestört worden. Der Brief ist an die CDU adressiert und, als verstünde es sich von selbst, auch an die Grünen. Ganz schnell und ziemlich stilsicher schlüpft Hauff in die Haut des Oberbürgermeisters.

So läßt sich die leise Enttäuschung am besten überwinden, die das Wahlergebnis bereitet hat. Ein rauschender Sieg ist ihm ja beileibe nicht zuteil geworden. Es war sogar anderthalb Stunden lang eine Zitterpartie. Als das Fernsehen am Sonntag die ersten Hochrechnungen ausstrahlte, saßen die Genossen im Parteihaus in der Fischerfeldstraße zusammen. Die NPD im Römer, die FDP auch – da blieben die Appetithäppchen von silbernen Tabletts fast im Halse stecken. Hauff saß aufmerksam, ernst und erstaunlich gelassen in seinem niedrigen Sessel. Er war einmal ein Glückskind und Erfolgsmensch in seinem Metier. Aber durch den Machtwechsel 1982 ist der Faden gerissen. Endlich bot sich Frankfurt an: Hauff paßt gut in diese turbulente, schwierige, interessante Stadt, die immer aufs neue aus dem Gleichgewicht gerät. Lange genug hat er über Urbanität und Liberalität philosophiert. Die Erleichterung ist ihm anzumerken, daß das Warten vorbei ist und das Handeln beginnt.

Die Grünen bereiten sich mit Lust und Akribie darauf vor, ihm zur Seite zu stehen. Sie träumen am schönsten vom multinationalen und multikulturellen Frankfurt, und sie sind versiert darin, die Wirklichkeit dennoch nicht aus den Augen zu verlieren. Ihre Protagonisten gehören zum Establishment, das in der Main-Metropole eben größer, weiter, unbegrenzter ist als anderswo. Ihre Seele ist Tom Königs, ein Sproß aus dem einheimischen Großbürgertum, der seiner Klasse nun beweisen möchte, wie man intelligente, alternative, spätbürgerliche Politik für Frankfurt betreibt.

Aus der Familie Königs kommen seit sechs Generationen Bankiers. Der Sohn Tom reihte sich zunächst in die Tradition ein, ging in die Lehre und studierte Volkswirtschaft. Da lebte er bereits in Berlin. Er bestand das Examen, stand aber schon ganz im Bann der Studentenbewegung. Es kann übrigens gut sein, daß ihm schon damals schrieb Hauff über den Weg gelaufen ist. Der schrieb nämlich zur gleichen Zeit an seiner Doktorarbeit und nahm die bürgerliche Karriere fest in den Blick. Anders der Kommilitone Königs. Das Kind der Bourgeoisie beschließt eines Tages, sein Erbe den Unterprivilegierten zukommen zu lassen. Er hebt einen Millionenbetrag bei der Bank ab. In Ost-Berlin trifft er einen Abgesandten des Vietcong. Wie viele Scheine den Besitzer wechseln, bleibt sein Geheimnis. Danach taucht er überall auf der Welt auf, wo die Revolution ihr Haupt erhebt. Desillusioniert, und doch mit sich im reinen, kehrt er nach Frankfurt zurück. Er gesellt sich zu den Grünen. Mittlerweile erfreut er sich darüber hinaus allgemeiner Beliebtheit dank seiner politischen und administrativen Begabung.