Von Hans Harald Bräutigam

Um eine winzige Pille ist erbitterter Streit entstanden. Nicht der erste seit der Erfindung der Antibabypille durch den amerikanischen Gynäkologen Gregory Pincus vor über dreißig Jahren. Die Hauptwirkung der Pille, die Geburtenverhütung, diskutieren Bevölkerungswissenschaftler als den „Pillenknick“. Ärzte, Pharmakologen und Patienten hingegen machen sich immer wieder wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Nebenwirkungen der Pille Sorge.

Dabei ist es nicht einmal ganz sicher, ob denn Thrombose, Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall ursächlich mit der Pilleneinnahme in Verbindung zu bringen sind. Mit Hilfe von Todesursachenstatistiken kann ein Zusammenhang kaum zuverlässig begründet werden; denn an diesen Krankheiten starben auch vor der Einführung und der weiten Verbreitung der Pille nicht weniger Frauen als heute. Je nach Ursache sind es 0,3 bis 5 Todesfälle auf 100 000 Personen jährlich. Rauchen, Essen und Körpergewicht spielen eine wesentlich größere Rolle, vielleicht sind sie besonders wirksam in Verbindung mit der Pilleneinnahme.

Der weibliche Fettstoffwechsel wird durch die Pilleneinnahme beeinflußt. Der Anteil verschiedener Fett-Eiweißverbindungen im Blut, der Lipoproteine mit niedriger Dichte LDL (low density lipoprotetns) im Vergleich zu den Lipoproteinen mit hoher Dichte HDL (high density Lipoproteins), ist von Bedeutung. HDL schützt, LDL schadet dem Gefäßsystem. Die Pille scheint den LDL-Anteil zu erhöhen. Da die Pharmaindustrie schon bald nach der Einführung der ersten hochdosierten oralen Kontrazeptiva herausfand, daß auch mit winzigen Hormonmengen die gleiche gewünschte Empfängnisverhütung erzielt werden kann, wurden die „Mikropillen“ entwickelt und auf den Markt gebracht. Die meist bessere Verträglichkeit dieser Mikropille, zum Beispiel seltener fettige Haare und unreine Haut, beruht aber nicht nur auf der Hormonmenge, der Quantität, sondern auch der Qualität der synthetischen Hormone Oestrogen und Gestagen. Und insbesondere hierum dreht sich der aktuelle Streit.

Im Eierstock werden mit Beginn der Geschlechtsreife Follikelhormon (Oestrogen) und Gelbkörperhormon (Gestagen) produziert. Die künstliche Herstellung dieser Hormone führte zu Oestrogenen und Gestagenen in verschiedenen Varianten. Von den vielen hergestellten Oestrogenen ist das Ethinylestradiol, auch mit der Kurzform „EE“ bezeichnet, in einer Menge von 0,03 bis 0,05 tausendstel Gramm (mg) pro Pille enthalten. Um das verträglichste Gestagen geht der Streit. Der deutsche Hersteller Schering hat „Gestoden“ entwickelt und davon 0,075 mg zusammen mit 0,03 mg EE in das Präparat Femovan gepackt. Der größte Mitbewerber auf dem hart umkämpften Pillenmarkt, die niederländische Firma AKZO, hatte zuvor ein anderes Gestagen, nämlich Desogestrel, in doppelter Menge (0,15 mg) mit 0,03 mg EE als Marvelon eingeführt. Im Kampf um Marktantfeile waren beide Hersteller nicht zimperlich. Bei gleichem Gehalt an EE in beiden Pillen, geht der ganze, mit viel Getöse geführte Streit um die beiden verschiedenen Gestagene und ihre unterschiedliche Dosierung. Beide Hersteller haben sie als Pille für junge Mädchen empfohlen und intensiv dafür gesorgt, daß ärztliche Sendboten diese Neuigkeiten der niedrigen Dosierung auch gehörig verbreiteten. Es schien zu klappen. Schering schaffte es, dem schon länger eingeführten Marvelon Marktanteile abzujagen. Über Thrombosekomplikationen nach Pilleneinnahme wurde nicht häufig gesprochen. Der grundsätzliche Angriff von Verbraucherorganisationen auf die Pille in den Vereinigten Staaten (siehe auch DIE ZEIT Nr.4 vom 20.1.1989) konnte abgeschlagen werden. Damals ging es um Brustkrebs und Pille und verzerrte Statistiken.

Und jetzt wird über die Pille erneut gesprochen, werden gefährliche Nebenwirkungen diskutiert. Die Rede ist von Thrombosen, auch tödlich verlaufenden, nach Einnahme von Femovan. Das Bundesgesundheitsamt in Berlin, auch verantwortlich für Arzneimittelsicherheit, hat nach Bekanntwerden einiger Thrombosefälle die Ärzte aufgefordert, diese zu melden. Nun werden sicher bald viele derartige Meldungen eingehen, denn nach alter Erfahrung von Epidemiologen werden Arzneimittelzwischenfälle dann vermehrt gemeldet, wenn schon welche aufgetreten sind oder ein Präparat gerade eingeführt wurde – weil dann besonders darauf geachtet wird (selektive Wahrnehmung). Marvelon ist schon lange auf dem Markt, Femovan erst seit 1987.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Reaktion des BGA. Den Meldungen vorausgegangen war nämlich der Bericht über die erstaunlichen Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie. Der Frankfurter Chemieprofessor und Leiter des Hormonlaboratoriums der Universitätsfrauenklinik, Herbert Kühl, hatte bei vergleichenden Untersuchungen über den Einfluß der beiden Mikropillen-Präparate auf den Fettstoffwechsel bemerkt, daß Gestoden aus Femovan über mehrere Behandlungswochen (Behandlungszyklen) sich im Blut anhäuft, also kumulierte Werte zeigte. Aber darüber hinaus stiegen über mehrere Behandlungszyklen auch die Oestrogen-Werte an. Mit anderen Worten: Die „Mikropille“ Femovan führte zu Blutwerten, wie man sie bei der geringen Dosierung an beiden Hormonen nicht erwartete. Marvelon zeige dieses Verhalten nicht, erklärte Herbert Kühl den Zuhörern des 33. Symposions der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie im Februar dieses Jahres in Karlsruhe. Als mögliche Ursache des auffälligen Befundes diskutierten Kühl und seine Mitarbeiterin Claudia Jung-Hoffmann Wechselbeziehungen zwischen EE und Gestoden.