Und da ist schließlich die erstaunliche Abgehobenheit des Künstlers von der politischen Alltagswirklichkeit, die in den Tagebüchern I-III Folge der stilisierten Nachbearbeitung sein mag, aber selbst im nicht überarbeiteten Band IV auffällt, in den Notaten des Soldaten Paul Klee. Da sind zwar irgendwo Spitzen versteckt gegen Proletarier etwa anläßlich eines mißlungenen Konzertes ("Ensembles und Inscenierung lächerlich schlecht. Das Orchester volkreich aber schlecht. Die Musiker waren nicht einmal schwarz angezogen, das entsprach auch dem proletarischen Können.") oder gegen das Volk als Masse Mensch, doch ein Kommentar zum politischen Hier und Jetzt hat Seltenheitswert.

Manche dieser Kleeschen Formulierungen im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg (nicht überarbeitete wohlgemerkt – oder bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz doch stilisierte?) wirken mehr als befremdlich. "Ich habe diesen Krieg in mir längst gehabt. Daher geht er mich innerlich nichts an", ist da zu lesen, oder auch: "Daß wir von zu Haus weg waren: eine Strophe im Epos. Später lächeln wir feuchtleicht darüber, wie wir jetzt vergangene Leiden belächeln. Die Kunst sieht darüber hinweg."

Ein letzter Aspekt: Paul Klee hat seine Tagebücher in ihrer letzten Fassung zur Grundlage vieler seiner Briefe (übrigens auch umgekehrt!) und zusammenhängender biographischer Notizen gemacht; sie sind im Wachstuchheft festgehalten und jetzt im Anhang wieder abgedruckt. Es ist hier nicht der Ort, die immer intensiveren Stilisierungen, immer neuen Verknappungen schon zitierfähiger Leitsätze nachzuvollziehen. Aber Paul Klee erweist sich als ein Meister bewußter Formulierungskunst und der Reduzierung von Sprache auf ihren Kern. Bei ihm sind Formulierungen versteckt, die zergehen auf der Zunge: "Man genießt andante", steht da zu lesen, drei Worte nur, die eine lange schöne Geschichte erzählen. Oder wie wäre es mit einem "geistreichelnden Weinlein", auch das ist hier nachzuschmecken.

Sieht man von diesen Versionen ab, die den Formulierungs- und Stilisierungsdrang des Künstlers offenlegen, dann liefert die textkritische Neuedition der Tagebücher Paul Klees erstaunlich wenig wirklich Neues.

Felix Klee hat überraschend sorgsam gearbeitet. Man kann erleben, was eine kritische Ausgabe zu bieten hat: wo welche Worte, Textpassagen, Zeilen, Buchstaben abgekürzt sind, unterstrichen, eingefügt, darüber oder darunter, und mit welcher Tinte oder welchem Stift geschrieben; für den Wissenschaftler werden das in dem einen oder dem anderen Fall Offenbarungen sein, dem Normalleser sind es höchstens amüsante Petitessen, was die Kärrnerarbeit einer solchen Textedition nicht abwertet – doch dem Laien, dem dürfte das alles nicht so arg wichtig sein.

So er sich – und das ist zu ergänzen – überhaupt an die Lektüre wagt, denn die ist ganz praktisch problematisch: Zeilenenden im Original werden im Text durch einen Schrägstrich angegeben, das Ende einer Seite durch zwei Schrägstriche – und so sperrt sich alles gegen das Lesen dieser Transkription. Unbefriedigend auch: Der in dem Wachstuchheft enthaltene Klee-Essay "Graphik" und ein Exposé zu einem Brief an Oskar Schlemmer sind hier nicht aufgenommen, ohne Begründung. Unverständlich. Wenn, dann alles, selbst dann, wenn der "biographische" Zusammenhang durchbrochen wäre, was er durch die Tagebücher selbst ja schon ist. Die obligate Konkordanz ist nützlich, sie wird erheblich zu ergänzen sein später, wenn Paul Klees Briefe in entsprechenden Ausgaben vorliegen, denn für diese waren die stilisierten Tagebücher nun wirklich ein riesiger, schier unerschöpflicher Steinbruch.

Für den Normalleser ist nur eines neu. Und das ist nun tatsächlich so recht lieb und hübsch und nachlesenswert oder besser, nacherlebenswert: der "Felix-Kalender", die Aufzeichnungen des Vaters Paul Klee in den Wochen und Monaten direkt nach der Geburt des Sohnes Felix 1907 – Notizen auf den rechten Seitenhälften des Tagebuchs, in denen fein säuberlich jede Wortneuschöpfung des Söhnchens festgehalten und umschrieben wird, jede außergewöhnliche Bewegung, jedes Lächeln, jedes Weinen, jede Fieberkurve und jede Gewichtszu- oder -abnahme. Zumindest hier ist Paul Klee "so einfach ... wie ein kleines Volkslied" und ganz "offenen Auges" – Forderungen übrigens, die er fast zur gleichen Zeit an die eigene Kunst gestellt hat.