Achim

Als alle sich erinnerten, im November vergangenen Jahres, da besannen sich auch die Bürger der kleinen Stadt Achim bei Bremen auf ihre Vergangenheit. Zum Gedenken an die sogenannte Reichskristallnacht riefen Stadtrat, Kirchen und Kulturverein zu einem Schweigemarsch auf. Sie wollten die Gemeinsamkeit der Demokraten demonstrieren; nun zeigte sich ihre Spaltung. Die CDU distanzierte sich. Man werde sich nicht „vor den falschen Karren spannnen lassen“, erklärte ein Sprecher. Den Veranstaltern gehe es in Wahrheit nicht um die Opfer des Nationalsozialismus – sondern um die Brinkmannstraße.

Johann Brinkmann war seit 1927 in Achim Bürgermeister, trat 1933 in die NSDAP ein und behielt sein Amt auch während der Zeit des Faschismus: ein Mitläufer, einer der Zahl- und Namenlosen, die für das System so unentbehrlich waren. Viel mehr ist ihm jedenfalls nicht vorzuwerfen – ein fragwürdiges Verdienst seiner Verwaltung, die rechtzeitig alle Akten beseitigte. Ein ehrenwerter Mann, befand 1970 der Achimer Stadtrat, und widmete Brinkmann eine Straße – offenbar einstimmig und ohne Diskussion.

Niemand nahm daran Anstoß, bis sich kurz vor dem Gedenktag im vergangenen Jahr zehn Achimer an die Ratsfraktion wandten und sie baten, die damalige Entscheidung zu korrigieren. „Das deutsche Volk“, antwortete die CDU in der Lokalzeitung, „hat in den Jahren von 1933 bis 1945 so viel Unmenschlichkeit und Intoleranz erfahren, daß wir eigentlich sofort hellhörig werden müßten, wenn wieder ähnliche Töne zu hören sind. Die Unterzeichner der Forderung, die Brinkmannstraße umzubenennen, lassen sich offensichtlich von dieser Intoleranz und außerdem sicher auch noch von ganz anderen Motiven leiten.“

Die CDU stellt im Achimer Stadtrat nur eine Minderheit; hätte man sie rechts liegen lassen, wäre es bei einer häßlichen Episode geblieben. Statt dessen rückten auch Initiatoren des Schweigemarsches eilig von der brisanten Forderung ab, die nur „einige wenige Neubürger“ aufgebracht hätten. Die Anwohner der Brinkmannstraße sammelten Unterschriften gegen den Vorschlag; einer von ihnen machte vorsorglich den Stadtrat für die „Abwertung meines Haus- und Grundbesitzes sowie meines Rufes“ haftbar, sollte der Straßenname geändert werden. Die Lokalzeitung erfuhr von ehemaligen Untergebenen des Bürgermeisters: „Der war kein Nazi“, und verschwieg, daß sie eine Reihe anderer Zeitzeugen schon darum nicht befragen konnte, weil sie die Ära Brinkmann nicht überlebt haben.

So stritten die Achimer, während die Bundesrepublik über Jenningers Rede diskutierte, in den Leserbriefspalten der Lokalpresse über den Mitläufer Brinkmann und seine Straße. „Ein neuer Aufbruch nach Canossa?“ oder „Wirklich eine ‚Altlast‘?“ Rechtzeitig zum vierzigsten Geburtstag der Bundesrepublik haben sie nun ein Zeichen gesetzt. Die Grünen beantragten im Stadtrat am vergangenen Donnerstag, den Namen Brinkmannstraße zu ändern, der CDU-Fraktionschef nannte ihr Anliegen „genauso faschistisch, wie das, was sie anderen vorwerfen“, die SPD-Ratsmehrheit taktierte in der Mitte. 1970 hätten auch zwei Genossen die Namensgebung mitgetragen, die Brinkmann während des Faschismus erlebt hätten, brachten die Sozialdemokraten in Erfahrung. Und was ihnen damals recht war, das könne heute nicht Unrecht sein. Frank Drieschner