Das Lob der Langsamkeit haben die dynamischen Amerikaner noch nie gesungen, und sie werden sich auch von George Bush nicht zur Eile mit Weile bekehren lassen. Dennoch geht der 41. Präsident sein Werk so betulich an, als orientiere er sich am Hundertjährigen Kalender. Zwar ist mit Reagans Nachfolger ein neuer Stil ins Weiße Haus eingezogen, der mehr Mitgefühl und Offenheit verspricht. Über die Substanz dieser Präsidentschaft aber darf weiter gerätselt werden. Fast zwei Monate nach seinem Amtsantritt drängt sich deshalb heftiger denn je die Frage auf, die schon den Präsidentschaftskandidaten Bush in Verlegenheit stürzte: Was will George?

Wenn er dies selber weiß, hat er bis jetzt ein Staatsgeheimnis daraus gemacht. Seine Behauptung, "es ist schon viel passiert", kann jedenfalls nur die Freunde versöhnlicher Rhetorik beeindrucken. Abgesehen von dem Sofortprogramm zur Rettung des maroden Sparbankensystems hat George Bush bisher nur gute Absichten verkündet. Ein Wahlkämpfer, dem entgangen ist, daß er gewonnen hat? Der Eindruck stellt sich bei einem Präsidenten ein, der "ein gütigeres und sanfteres Amerika" verspricht, der im Gegensatz zu Reagan die Schattenseiten der US-Gesellschaft, die amerikanische Schuldenkrise und die Gefährdung der Umwelt erkannt hat, der jedoch keine Handlungsanweisungen zur Besserung gibt.

Noch bleibt ungewiß, ob es Bush an konkreten Vorstellungen mangelt oder ob der Wille fehlt, sie durchzusetzen. Eines hingegen ist gewiß: Wie neue Besen schnell alt werden, verlieren auch neue Präsidenten schnell ihren Anfangsbonus. Dabei sieht niemand in George Bush einen zweiten Franklin D. Roosevelt, der innerhalb weniger Wochen die soziale Revolution des New Deal auf den Weg brachte; die Situation verlangt nicht nach politischen Umwälzungen von einer solchen Dimension. Ein wenig mehr handfeste Aktion statt freundlichem Aktionismus wird jedoch auch von diesem Präsidenten erwartet.

Am deutlichsten offenbart sich Bushs Unentschiedenheit in den Lücken seiner Regierungsmannschaft. Er muß über 600 Posten auf den Führungsetagen neu besetzen und hat dem Senat bisher ganze 47 Bewerber zur Nominierung vorgeschlagen. Der Fehlgriff Tower hat die Berufungsprozedur zusätzlich abgebremst. Immerhin konnte der Präsident mit Richard Cheney schnell einen Kandidaten für das Verteidigungsministerium präsentieren, der wegen seines guten Leumunds auf baldige Zustimmung durch die Senatoren rechnen darf. Auch wird dem Kongreßabgeordneten Cheney die Unterstützung für sämtliche sicherheitspolitischen Initiativen Reagans, vom "Krieg der Sterne" bis zur Waffenhilfe für die Contras, bei der Senatsanhörung wohl nicht schaden; offenbar hat er seine Voten aus Loyalität zum Präsidenten und nicht als ideologischer Überzeugungstäter abgegeben. Selbst wenn das Pentagon bald wieder eine Führung haben sollte, bleibt die Weltmacht Amerika im Wartestand. Die Überprüfung der Außen- und Sicherheitspolitik wird nicht vor Ende April abgeschlossen sein. Bis dahin muß die Welt auf wegweisende Vorstellungen Washingtons warten.

Ob die Sowjetunion die amerikanische Denkpause für ihre Zwecke ausbeutet, ist bereits Anlaß zu bangen Spekulationen. Gewiß aber wird der US-Kongreß seine Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bei einem Weißen Haus ohne programmatisches Gewicht neigt sich die Waagschale der Macht zur Legislative. Noch setzt George Bush auf Vorsicht und Freundlichkeit. Ihm wird die Erkenntnis nicht erspart bleiben, daß ein Präsident auch Mut und Härte beweisen muß. Dieter Buhl