Ein Schriftsteller erfährt auf Gran Canaria von einer unglaublichen Geschichte

Von Erich Loest

Eine Chartermaschine bringt nordische Bleichgesichter heran, carne fresco, Frischfleisch, wie die Kanarier spotten. Das Ziel der meisten Einfliegenden ist es, dem Sonnengott den Großteil der Jahresfreizeit und einen Batzen Geld zu opfern. Denn tanzen, trinken und flirten könnten sie daheim auch. Gran Can, wie der Insider abkürzt, garantiert Sonne an zwölf von 14 Tagen, auch im Winter.

Mich erwartet der Jugendbuchautor Bernd Guben nebst Frau, die hier halbjahresweise wohnen; aber sie stecken im Stau, und so rufen sie Santi an, den befreundeten Taxifahrer, der wie gewöhnlich am aeropuerto nach Kundschaft späht. Ein Schriftsteller käme, den solle er vertrösten. Si! Nur hatte mich Santi nie gesehen, für eine Beschreibung blieb keine Zeit. Aus hundert Männergesichtern pickt er meines heraus, ich reagiere unwirsch, Aufdringlichkeit fürchtend. Aber er läßt nicht locker, bewegt vielmehr eine auf eine Gruppe wartende Dolmetscherin, mich zu fragen, wer ich sei und mit wem ich mich verabredet habe. Ich gebe sofort alles zu. Ein paar Tage später, in Santis Garage, erklärt er, als seine Findigkeit gerühmt wird, er sei zwar kein Schriftsteller, aber intelligent!

Da feiern wir mit Schweinskeule und gedünstetem Ziegenfleisch, mit Muscheln und Krabben in Knoblauchöl, und Santis verzweigte Sippschaft verschlingt alles mit großer Geschwindigkeit zwischen an die Seite geräumten Reifen und Kanistern, dazu dröhnt es aus den Lautsprecherboxen. Calima, Wüstenwind herrsche seit Tagen, höre ich. Er pfeift ums Garagentor, die Luft riecht nach Staub. Wenn der König von Marokko einen fahren läßt, sagt Carlitto, mufft es bis herüber. Aurora, die offenbar etwas gegen alles Marokkanische hat, ergänzt: In ihrer Jugend zogen marokkanische Großfamilien mit ihren Ziegenherden durch alle Straßen von Las Palmas, und alle Männer, Frauen, Kinder und Ziegen riefen: "Viva Franco!"

Das hat Santi im Radio gehört: Vielleicht trägt der Wind nicht nur die halbe Sahara herüber, sondern auch Heuschreckenschwärme. Das ist lange nicht mehr vorgekommen; wenn es eintreten sollte, wäre es eine Katastrophe für alles, was da spärlich grünt. Der Wind trägt sie heran, ja. Und dann gibt es noch diese Kugeln. Bitte? Tausende Heuschrecken, höre ich, ballen sich zu Kugeln, die rollt der Wind übers Wasser. Die äußeren Tierchen ertrinken, aber die inneren erreichen das schmackhafte Eiland, dort explodiert die Kugel förmlich, und das knirschende Kiefermahlen beginnt. Wie groß? Da werden Arme gebreitet. Die größten Kugeln bringen es auf einen Meter im Durchmesser.

Anderntags, auf der Fahrt nach Süden, sinne ich nach über die schlimme Gefahr. Wir passieren Playa San Agustin, Playa del Ingles und Maspalomas mit ihren Hunderten von Hotels und Hunderttausenden von Betten. Grauschleier legen sich auf alle Palmen und Löwenbräu-Reklamen. Nun ist schon so weit ins Land hineingebaut worden, daß sich die Wege zum Strand dehnen; wer möchte fünf, sieben Kilometer auf harter Straße hin- und zurücktraben? So sind Swimmingpools in die Siedlungen gepreßt worden. Riesenrad und Achterbahn ragen über die Ferienhütten, in einem Seitental wird eine Westernshow geboten. Von weitem sieht eine Siedlung aus wie ein Friehof mit lauter weißen gleichen Grabsteinen. Das alles ist längst unüberschaubar, und noch immer wird erweitert. Wo liegt die Grenze? Es könnte sein, daß über kurz Wassermangel das Riesenunternehmen zusammenbrechen läßt. Manche Brunnen reichen schon bis 300 Meter hinab, der Grundwasserspiegel sinkt und sinkt. Wenn der Gast nicht mehr zweimal am Tag duschen kann, wird er sich feuchteren Gefilden zuwenden.