Nach Frankfurt müssen wir uns alle an die eigene Brust schlagen. Wenn wir nämlich eines nicht mehr allzu fernen Tages diese Regierung zu Grabe tragen müssen, dann haben wir alle unser Scherflein dazu beigetragen. Hand aufs Herz: Haben wir uns überhaupt je gefragt: Was kann ich für meine Regierung tun – statt immer nur zu fragen: Was kann die Regierung für mich tun?

Nein, nein, es ist schon so: Wir haben sie blindlings ins Verderben laufen lassen. Nun dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Regierung den Glauben an uns verloren hat, wie eine bisher noch geheimgehaltene Blitzumfrage unter der Koalitionsprominenz beweist.

Danach ist unser Vertrauensbonus bei der Koalition auf ganze 14,04 Prozent (1988: 21,07 Prozent) gesunken. Das haben wir uns – da beißt die Maus keinen Faden ab – natürlich selber eingebrockt. Jetzt bekommen wir die Quittung dafür, daß wir die Regierung immer gerade dann im Stich gelassen haben, wenn sie hilfesuchend im Nebel herumstapfte.

Wir haben auch – machen wir uns nichts vor! – schmählich versagt, wenn es darum ging, ihr Mut einzuflößen, als sie wieder einmal ein Jammertal – die Libyen-Affäre! – durchwanken mußte. Eine Regierung ist auch nur wie ein Mensch. Sie braucht mal ein bißchen Wärme und Zuneigung, nicht zuletzt sogar ein Wort des Dankes, also etwa für ihr reizendes Steuergeschenk, das sie sich buchstäblich vom Munde abgespart hat. Darauf wartet sie bis heute.

Unser Sündenregister ist lang. Es reicht mindestens bis Biblis zurück, als wir die Regierung nicht beizeiten auf die Gefährlichkeit der Kernkraft aufmerksam machten; eine Regierung ist ja schließlich nicht allwissend. Wie wir es ja auch vor Ramstein und Remscheid geradezu sträflich versäumt haben, sie vor den Gefahren der Militärflüge über dichtbesiedelten Gebieten zu warnen. Wir hielten uns doch meistens an die Devise: Es geschieht meiner Regierung schon recht, wenn ich mir die Hände erfriere, warum strickt sie mir keine Handschuhe...

Noch ein Beispiel: die Reformen, Auf die Gesundheits- oder die Rentenreform, von der Quellensteuerreform ganz zu schweigen, hätte die Regierung mit Kußhand verzichtet, wenn wir nur ein Sterbenswörtchen davon hätten verlauten lassen, daß wir sie a) nicht verstehen, b) für überflüssig, c) für schädlich halten. Für dieses Informationsdefizit tragen wir die volle Verantwortung. Gewiß, da ist Ost. Aber der weiß doch nur das, was wir nicht wissen dürfen.

Nun liegt die Regierung seit ihrem bösen Unfall vom letzten Sonntag schwer darnieder – und wir alle haben womöglich ihr Leben auf dem Gewissen. Möge es nie soweit kommen, daß wir uns eines Tages sagen müssen: Erst seit wir sie nicht mehr haben, wissen wir, was uns fehlt!