Die deutsche Politik ist auch davon gekennzeichnet, daß sie in einer Art wetterfreien Zone der Verantwortungslosigkeit im Großen auf der Rechten ihre Geschaftchen macht und auf der Linken ein Refugium des einfältigen, provinziellen, bukolischen Lebens, jenseits der großen Städte und ihrer Verderbnisse einrichten möchte. Rechts wie links sehe ich ein Defizit an Bereitschaft, wirklich politisch handeln zu wollen.

Zynismus kann eine sittliche Qualität sein, ein melancholisches Wissen darüber, wo man sich befindet. Wenn Politiker, obwohl die tagtäglichen Vorfälle absolut keiner sittlichen Norm gerecht werden, in einer Weise unzynisch sind, daß man die Zeiten von Konrad Adenauer herbeisehnt, und wenn gleichzeitig der moralische Oberton zum kleinbürgerlichen Ausweis wird, sich mit den Massen zu verstandigen, dann beginnt man, wieder auf den Zynismus als eine politische Kategorie wirklicher Politiker zu hoffen.

Ich glaube, daß der ganze westdeutsche Literaturbetrieb unter dem Terror des wehleidigen Sich-gehenlassens leidet: Mutterschicksale, Abtreibungsschicksale und andere Seelenqualen irgendwelcher Personen. Man braucht heute in Deutschland nur aus Schlesien oder Pommern zu kommen, rotbackig, mit blonden Haaren, ein uneheliches Kind zu haben und riesige Probleme, und das wird dann ein Stuck Frauenliteratur. Wenn überhaupt ein Rückgewinn an literarischen Maßstaben ins Auge gefaßt werden soll, etwa im Stile von Thomas Bernhard oder meinetwegen auch Handke, dann muß man diese Art von Frauenliteratur radikal aus dem literarischen Diskurs hinausschmeißen.

Karl Heinz Bohrer, Herausgeber des „Merkur“, in einem Interview mit der Wiener Wochenzeitung „Falter“

Dilettanten voran

Er halte seine Nachfolgerin für sehr amtsgeeignet, sagte Carl Vogel, der nolens volens zum Ruheständler werdende Präsident der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Er sprach von Adrienne Goehler, der GAL-Politikerin, die im Februar im Zuge der Rotation ihr Amt als grüne Abgeordnete verloren und sich auf fremde Anregung zu einem Zeitpunkt um das Amt beworben hatte, als die Ausschreibungsfrist bereits abgelaufen war. „Ich finde es toll“, so Vogel zur Morgenpost „daß Adrienne Goehler gewählt wurde. Der Präsident der HfbK soll ja ein Erfüllungsgehilfe der Gremien sein. Frau Goehler wird das viel besser erfüllen als ich. Ich hatte zuviel Ideen und eigenen Gestaltungswillen. Der Vorwurf, Adrienne Goehler verstünde zuwenig von Kunst, spricht meines Erachtens nur für sie.“ Ende des Zitats und Ende der Vorstellung, die mancher sich vielleicht noch von den Kriterien gemacht hat, nach denen an einer deutschen Kunstakademie Entscheidungen getroffen, Verantwortung getragen, Arbeit und Ausbildung begriffen werden. Anfang der als Kompliment drapierten Ohrfeige für Frau Goehler, die, als Gründungsmitglied der GAL und Mitglied ihrer „Frechen Frauen“, solch gockelhaften Altherren-Zynismus gewiß lässig wegstecken wird. Wodurch ihre Qualifikation für dieses Amt allerdings nicht größer wird. Sie hat Psychologie studiert, hat ein Lehrerinnenstudium abgebrochen, wurde dann energische Protestlerin und GAL-Frau. „Ich habe Lust, mich auszuprobieren“, sagte sie in ihrer Bewerbungsrede und schaffte es dann, nicht zuletzt dank der Tatsache, daß die Hamburger immer noch nicht die Novellierung ihres Hochschulgesetzes geschafft haben und hier mit Viertelparität abgestimmt wird. Frei nach dem Motto von Frau Goehler wird sich demnächst der selbstbewußte Postbote um die Chefarztstelle des Krankenhauses bewerben – zumindest in Hamburg.

Grass: Der Austritt

Widerwillig schreibe er diesen Brief, „mehr noch, gezwungenermaßen“. Günter Grass erklärte am 9. März seinen Austritt aus der Berliner Akademie der Künste. Angekündigt hatte er diesen Schritt zuerst in einem ZEIT-Gespräch und verkündet während einer Lesung aus Salman Rushdies Büchern, die, nachdem die Akademie die Schirmherrschaft entzogen hatte, in einer Brauerei in der Berliner Hasenheide vor rund tausend Zuhörern stattfand. „Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe ich mich als aktives Mitglied der Akademie der Künste Berlin verstanden, wobei ich mir von Anfang an der geschichtlichen Last und also auch der politischen Verpflichtung dieser Institution bewußt gewesen bin“, schrieb Grass in seinem Brief an Peter Härtling, den Abteilungsdirektor Literatur. Seiner Meinung nach habe sich die Akademie „dieser besonderen Verantwortung“ im Fall der Solidaritätsveranstaltung für Rushdie entzogen: „Indem sie ihre Räume verweigert, gibt sie dem terroristischen Druck nach, entledigt sie sich der Verpflichtungen ihrer Vergangenheit und nimmt sie eine Haltung ein, die schlechtes Beispiel gibt.“ Giselher Klebe, der Präsident der Akademie (und in dieser Eigenschaft Nachfolger von Grass, der das Amt von 1983 bis 1986 innehatte), bat den Schriftsteller in einem Telegramm, „diesen für uns alle höchst gravierenden Schritt noch einmal zu überdenken“. Peter Härtling antwortete Grass, er halte dessen Erklärung für ungerechtfertigt und ungerecht. „Es ging nur darum, Gäste der Akademie, das Publikum also, vor möglichem Schaden zu bewahren.“ Härtling wies in seinem Brief darauf hin, daß er aus Rushdies „Satanischen Versen“ gelesen habe und mit Grass und anderen zusammen als Herausgeber der deutschen Ausgabe fungieren werde. Die Lesung in Berlin hatte unter Polizeischutz doch ohne Störung stattgefunden.