Von Rolf Michaelis

Der Narr, der in dieser Komödie aus dem Jahr 1600 bei Shakespeare das letzte Wort hat, hat in Andrea Breths Inszenierung am Schauspielhaus Bochum auch das erste. Wenn das Licht im Saal erlischt, füllt Ronald Steckel das Haus zum ersten Mal mit einem der – zugleich verzaubernden und drohenden – Akkorde von der elektronischen Orgel, mit denen er (neben Klaviergeklimper und Tamtam von der Handtrommel) das vier Stunden dauernde Spiel unterlegt. Dann öffnet sich links die vorderste Saaltür – und herein schiebt sich kein verspäteter Zuschauer, sondern ein Mann in schwerem Mantel, grauem Hut. Der Clochard, der eine leere Schweinsblase an den Stock gebunden hat, den er über der Schulter trägt, tapert an den Zuschauern der ersten Reihe vorbei und brabbelt Englisch. Peter Roggisch als trauriger Narr steigt die Stufen zur Bühne empor, zieht am Vorhang – und der Bildersaal dieser Inszenierung tut sich auf.

Auf einem Sessel an der Rampe träumt in sich versunken ein junger Mann. Lange, kunstvoll geringelte Goldlocken, wie wir sie von Dürers frühen Selbstbildnissen kennen, fallen auf einen elegant geschnittenen, blau schillernden Frack. Hinter dem Träumer tut sich tief die dunkle Bühne auf – aber gerahmt mit goldener Einfassung wie ein Gemälde. Seltsam bunt gekleidete Menschen stehen erstarrt wie zu einem lebenden Bild. Jetzt hebt der Yuppie an der Rampe mit unendlicher Langsamkeit sein Lockenhaupt und schaut mit brechendem Blick in die Ferne. Mit größter Anstrengung öffnet der wie am Marterpfahl leidende Schmerzensmann die geschminkten Lippen und quält mit tränenschwerer Stimme aus der Brust den Satz hervor, mit dem Shakespeare seine letzte Komödie eröffnet, ehe er sich dem Verfassen von Tragödien hingab: „Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, / Spielt weiter!“

Auf diesen Befehl des liebeskranken Herzogs Orsino, dem Wolfgang Michael seine schlanke, wie eine Trauerweide sich biegende Gestalt und eine Stimme leiht, die über ganze Orgelregister von Seufzern gebietet, beginnt sich die Hofgesellschaft in müden Single-Tänzen zu räkeln. Party-Schickeria plagt sich in die Endrunde. Auf Tischen und tiefen, dunklen Ledersesseln, von denen viele umgestürzt sind, auf einer Treppe, die sich im Hintergrund nach oben windet, schwanken im Rhythmus der Musik Glitzer-Frauen, unter ihnen ein Geschöpf mit golden sich kringelndem Haar und blauen Flügeln – vielleicht „Amor“, um den die Bochumer Shakespeares Personenzettel erweitert haben, auch um einen „Novellenerzähler“.

Solchen Fragen nachzuhängen, haben wir keine Muße. Hier wird heute abend ernst gemacht mit der Übersetzung des Begriffs Theater in – Schaubühne. Auch der nach der Gräfin Olivia schmachtende Herzog schaut nicht mehr auf das Gelage, sondern nur noch auf das gerahmte Bild seiner Herzdame, das er nicht aus den Händen läßt. Und er weint auf das Konterfei hinab: „Oh, da zuerst mein Aug’ Olivien sah, / Schien mir die Luft durch ihren Hauch gereinigt.“

Liebesspiele im Krater

Doch haben wir kein Ohr mehr für Verse, Wörter, Seufzer-Silben. Wir sind ganz Auge. Denn nun geschieht, was wir geahnt haben, als wir die schwarz und weiß gezackten Bretter und Tücher sahen, die in ganzer Bühnenbreite vor der Rampe und auf der Szene ausgelegt sind. In der zweiten Szene des ersten Aktes kommt ja Viola, die gleich in Männerkleider schlüpft und als Cesario Page bei Orsino wird, mit dem Schiffshauptmann vom Meeresstrand, wo ihr Segelschiff im Sturm zerschellt ist. Und jetzt dürfen wir die Katastrophe miterleben. Mit ingeniös ausgetüftelter Technik türmen sich auf Gisbert Jäkels Bühne plötzlich die Wellen, bis hoch zum Bühnenportal. Und – ja, auch das wird uns nicht vorenthalten – wir sehen, was wir hören: Zwischen den Wogen wirft sich der schimmernde Leib des Delphins empor, von dem es heißt, er habe Violas Bruder Sebastian gerettet.