Parteitag der italienischen KP

Von Hansjakob Stehle

Bonn, im März

Links, wo das Herz schlagt, ist auch die neue Haut, die sich Italiens Kommunisten zugelegt haben, merklich dünn. Da trat ihr Generalsekretär Achille Occhetto am vergangenen Wochenende im blutrot drapierten Sportpalast von Rom vor die tausend Delegierten des Parteitags und verkündete, daß „die alten Rezepte nicht mehr gültig sind“. Nicht auf die Änderung der Eigentumsverhältnisse komme es an, rief er, nicht ausgebeuteten Arbeitern galt seine erste Sorge, sondern „dem Drama der Eingeborenen am Amazonas“, überhaupt den weltweit drohenden Umweltkatastrophen. Für eine „radikale Korrektur“ des westlichen Kapitalismus wie des östlichen Kollektivismus und gegen „jede Art von Imperialismus“ berief sich der kommunistische Parteichef mit Zitaten vor allem auf den Papst, dann auch auf Gorbatschow. Doch kaum hatte Occhetto aus alldem den Schluß gezogen, es gelte jetzt „eine neue KPI“, eine „wahre moderne Reformpartei ins Leben zu rufen“, da schreckte er vor einer vergleichsweise banalen, wenn auch bedeutungsvollen Konsequenz zurück.

Kommunistisch wolle man dem Namen nach doch bleiben: „Warum sollten wir ihn ändern – es ist ein ruhmreicher Name!“ Nicht nur an eine Geschichte erinnere der Name, sondern an jene Zukunft, in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.

Was alles unter dem Namen „kommunistisch“ an Unrühmlichem geschah, berührte der Parteichef mit keinem Wort; seine Partei hat sich damit schon über drei Jahrzehnte lang auseinandergesetzt, seit ihr wendiger Altvater Togliatti die erste Entstalinisierung in Moskau benutzte, um zwischen Sozialdemokratie und Sowjetmodell einen dritten „italienischen Weg zum Sozialismus“ anzupeilen, und sein Nachfolger Berlinguer einen „historischen Kompromiß“ mit den Christdemokraten versuchte. Das ist jetzt alles zwar ideologisch verdaut, doch Ideen mit neuem politischen Nährwert werden nicht sichtbar. Zwar möchte man ins „gemeinsame Haus“ der großen europäischen Linken einziehen. Wie aber „neue Antworten, die über die bisherigen Entwicklungsmodelle hinausführen“ (so Occhetto), aussehen sollen, das ließ der Parteichef geradezu absichtsvoll im Ungewissen: „Es ist der richtige Weg, den wir suchen, um die neuartigen Probleme der Epoche zu lösen...“

Warum auch sollten es beim Rezepteschreiben Kommunisten leichter haben als andere? Das Vertrackte ist nur, daß sie – zumindest solange sie an ihrem Namen als einem Stück Identität hängen – noch immer an der Utopie gemessen werden, die sie mit ihrer Geschichte gescheiterter Hoffnungen verkörpern. Auch deshalb ging es mit der italienischen, Westeuropas größter kommunistischen Partei in den letzten Jahren bergab. Deshalb wiederum versuchte bei diesem Parteitag das kleine Fähnlein unverdrossener Gläubiger, die alte Fahne trotz allem hochzuhalten und riet zu einer Flucht zurück statt nach vorn.