Der Sprach Rausch soll durchgehalten werden, auch da, wo sich Katja Länge Müller einmal analytische Klarheit leistet. Ihre Kaspar Mauser Szenen von "drei Kreaturen, welche das ihnen gemeinsame Verwahrlosungssyndrom auf ganz unterschiedliche Weise veräußerlichten", tragen selbst Zeichen der Ver wahrlosung. Sie suchen nicht nach neuen Wahrheiten über eine bestimmte Spezies wurzelloser Siebenunddreißigjähriger, die weder in Ost- noch WestDeutschland heimisch werden können, sie wollen für diese Spezies das sein, was sie am nötigsten braucht: etwas Anheimelndes, ein feeling, Schnaps und Gesang, komisch und verzweifelt. Etwas, worin sie sich wiederfinden, ohne sich allzugenau im Spiegel betrachten zu müssen. Die Szenen spielen Versteck mit dem Spiegel, was wir zu sehen kriegen, sind betrunkene Innenansichten, Zerrspiegeleien, was wir spüren, ist die Angst vor der Ernüchterung.

Katja Müller Lange, eine Funktionärstochter aus der DDR wie Monika Maron oder Gabriele Eckart, schreibt beißend melancholische Prosa, dichte Wortgeflechte aus Wehleid, immer wieder verknotet sie den Sprachfluß zu witzigen Wortspielen. Manchmal sind sie bloß ulkig (von "Eirich Hornickel" ist die Rede, naja) manchmal treffend: "nervengeraspelt, manisch munter von all dem Suff und lauter Übermüdigkeit Ein deliriöser Sprachwitz, der sich mitunter verselbständigt, ein verschwitzter, unbesonnener, kicherndheulender Ton.

Es ist gewissermaßen typische DDR Prosa, pubertär, verquollen, stimmungsvoll und tröstlich für jedermann, für den die Welt vermauert ist — so oder so, der sich ohnmächtig glaubt und sich an seiner Ohnmacht festkrallt. Kaspar Mauser, eine "Achzistenz", deren Name "Unterwegs Unterwegs" ist: "Nachname Unterwegs, Vorname Unterwegs" (in eine "Wozukunft"), und der in der letzten Szene an einem Endpunkt seiner VerWeigerung angelangt ist, er sitzt in irgendeiner Silvesternacht auf einem Stein am Bahnhof BerlinDüppel, dort, wo die Mauer eine alte Allee zerschneidet: Da läßt sich die eigne Ohnmacht gut beweinen.

Katja Länge Müllers Prosa hat jenen wehleidigen Zynismus, der auch von einigen sowjetischen Satirikern her bekannt ist als typischer Trost in einer fremden Welt, die nicht zu ändern ist, als Trost der ewigen Kinder, der Verantwortungslosen in einer Welt der organisierten Verantwortungslosigkeit.

Daß dieses Weltgefühl nach der Übersiedlung der Autorin in den Westen nicht mehr ganz in die Welt paßt, erweist sich an Szenen wie dem Kampf Kaspar Mausers mit einem Westberliner BVGKontrolleur, der keine Über Staatsmacht verkörpert und nur den Fahrschein sehen will. Das soll wohl eine DDR Beklemmung in den Westen transplantieren, und ebendies will nicht gelingen, es wirkt läppisch und eher erheiternd, was dem in sich selbst Verbarrikadierten da zustößt.

"Anna Nass", die nach ihrer Übersiedlung in die "Welt der Geister aller Flaschen" zu entkommen sucht, und Kaspar Mauser, der sich nach seiner Entlassung aus der DDR Staatsbürgerschaft in eine Art Autismus flüchtet — sie mögen sich mit diesem Buch getröstet und bestätigt finden. Und müssen nicht hinaus ins Kalte und dürfen bleiben, wo sie hergekommen sind: In Eirich Hornickels Sandkasten. Martin Ahrends Kiepenheuer & Witsch, Köln 1988; 19 80