An meinem 26. Geburtstag, vormittags gegen elf, stapften zwei Männer, präziser: ein Genosse und ein Herr, die Treppe zu meiner Wohnung im Leipziger Norden hinauf. Es waren mein Verlagsleiter und sein Cheflektor. Mit sich führten sie weißen Flieder und grusinischen Kognak. Sie wünschten mir und sich viele gemeinsame Bücher.

Bei keinem anderen Verlag, und ich veröffentliche in etlichen, fühlte ich mich so aufgehoben, umsorgt und geschätzt wie beim Mitteldeutschen Verlag Halle Anfang der fünfziger Jahre. Die Literatur galt etwas im Staate, diesem Verlag war die Pflege der zeitgenössischen engagierten Belletristik aufgetragen, und ich hatte mich mit drei, vier Büchern aus der Anonymität herausgeschrieben.

Seele und Motor dieses Hauses war Heinz Sachs, ein Mittdreißiger mit Gespür für Fabeln und Talente, mit Arbeitsfreude, Humor und dem noch unbeschädigten Urvertrauen, die Sozialismusvariante, die da entwickelt wurde, sei auf unwiderstehlich siegreichem Weg. Cheflektor Gert Noglik, ein Schlesier, parteilos, Bürger in Bildung und Gehabe, dämmte Überschwang aufs vernünftige Maß ein. Jeder Lektor, es waren anfänglich fünf, dann zehn und mehr, betreute eine Handvoll Autoren.

Ein Lektor hieß Martin Gregor, später hängte er mittels eines Bindestrichs ein „Dellin“ an, bis zu seinem Tod vor kurzem war er PEN-Präsident der Bundesrepublik. Ein anderer, Egon Günther, schrieb nebenher Erzählungen und Romane, ging zum Film – die Siegfried-Lenz-Adaption „Heimatmuseum“ ist eine seiner vielen Produktionen. Diese beiden und einige andere und ich waren keine dreißig, als wir schrieben, debattierten, wir boxten uns gegenseitig vorwärts, waren gesund, laut, gute Kumpel untereinander, besessen von unserem Beruf, überzeugt von unserer strahlenden Zukunft, wir waren frische Ehemänner und junge Väter, Skatspieler und Fußballnarren, fast alle Genossen, und die Sonne des Sozialismus, so sahen wir es, schien hell und wärmend auf uns herab

Diese Diskussionen! Wir ereiferten uns über Lukàcz, Bloch (bei dem Egon Günther studiert hatte), ich saß im Hörsaal zu Hans Mayers Füßen. Wir lasen Stalin, Marx und Luxemburg. Viele unserer Debatten drehten sich nicht nur um eines Kaisers Bart, sondern gleich um vier Bärte kommunistischer Klassiker – nach dem XX. Parteitag der KPdSU waren’s nur noch drei – Ulbrichts Spitzbart und die Blumenträume des Glattgesichts Mao kamen hinzu. Die Welt sei erkennbar, so hörten wir und glaubten es, der Marxismus eine Wissenschaft wie Mathematik, wenn auch schwer zu handhaben, wie Brecht mahnte, aber wir. da waren wir zuversichtlich, würden schon hinter alle Schliche kommen.

Gewiß, jedes unserer Manuskripte mußte über die Hürde der Zensur, die so nicht hieß: Die Druckgenehmigung mußte erteilt werden. Aber wir griffen ja sowieso keine Themen auf, von denen wir meinten, ihre Behandlung könnte dem Voranschreiten des Sozialismus schaden. Nicht, daß wir Konflikten und Widersprüchen gegenüber blind gewesen wären – innerhalb unserer Denk- und Interessengrenzen hielten wir sie für lösbar. Nur unter uns trugen wir unsere Herzen auf der Zunge. Jedes Jahr, so nahm ich es mir vor und hielt es: Jedes Jahr ein Buch!

Wer nicht so froh und forsch nach brandneuen Themen ausspähte, vielmehr durch humanistische bürgerliche Denkungsart geprägt war und sein Glück nicht darin sah, über die ersten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, über den sozialistischen Schwung innerhalb einer Brigade und die Machenschaften imperialistischer Diversanten zu fabulieren, hatte es schwerer. Milde und wohl auch herablassend versuchte Sachs zu überzeugen, wo die Zukunft liege. In Verlagskonferenzen und Lektorengesprächen wurde versucht, frische Denkungsart auf bourgeoise Stämme zu pfropfen. Was Wunder, daß so mancher, der derlei Erziehungsversuche als lästig und sogar bedrohlich empfand, sich still und plötzlich nach dem Westen davonmachte.