Wolfgang B. und Frau Helga, er 51, sie 46, der Sohn 15 und die Tochter zwölf, bilden eine Familie in erster Ehe ohne Zweitwagen und psychologische Beratung durch Illustriertentips oder Taschenbücher. Langzeit-CDU-Wähler beide, er Major d.R. und Fachingenieur, sie als Helferin in Steuersachen halbtags in einer Lohnbuchhaltung. Nach Feierabend machen sie sich vor ihrem gasgeheizten Kamin immer häufiger Gedanken darüber, wie der Bundeskanzler ihrer Wahl sein müßte, denn Helmut Kohl mit seinem ungebrochen frisch-frommen Schulterklopf-Optimismus, dieses gesättigte Wohlstandsmannsbild ohne Kampfanzug im Schrank, das am Kabinettstisch erst bimmeln muß, damit endlich Ruhe herrscht, enttäuscht jetzt auch sein Wählervolk.

Und so stellen ihn sich die beiden vor: Kein Enkel oder Hoffnungsträger, die stehen ja bei den Sozis lauthals Schlange, sondern ein kompakter Selbstgänger Mitte 50, Jurist mit Studienaufenthalten in England und Amerika, Englisch und Französisch, gebrochen Russisch, in Deutsch eine Eins – und wenn das ginge –, ein politischer Zögling des Bundespräsidenten; kein salbungsvoller Reformer, die gibt es überall im Dutzend billiger, nein ein sachkundiger Verbesserer, der aus vollem Herzen, jawohl, wie Helmut Kohl, stets vom ganzen Deutschland, unserem Vaterland spricht. Denn das erinnert Wolfgang und Helga an ihre Väter, die nicht für Führer, Volk und Vaterland gefallen sind, sondern für ihr Vaterland; das sagen sie Linken wie Rechten.

Ganz selbstverständlich christlich müßte er sein, auch vor Not und Gott frei von jeglichen Allüren, mit der Heimat in Herz und Kopf und Europa geduldig ringsherum, einer, der ohne Bumsfallera wieder für Ruhe und Ordnung sorgt, niemandem nachläuft, ein Naturfreund, nicht unbedingt mit Fahrrad, aber immer ein- und derselben Ehefrau mit Abitur. Da Wolfgang B. und Frau Helga sich sogar nach Feierabend die Zeit einteilen müssen, bleiben sie im Rahmen und stellten sich ihren Wunschkanzler auch mal als eine Mischung aus Heiner Geißler, ohne Bert-Brecht-Tolle in der Stirn, und Norbert Blüm, ohne die vielsagende Nickelbrille vor, zwei Dickschädel mit Witz und Gemüt, kampferprobt, doch glücklos im Gemenge vor der Tür.

Die zwei da am Kamin bleiben trotz allem fügsame Wähler der Christlich-Demokratischen Union, schon aus ständiger Ehrfurcht vor ihrem ersten Kanzler, Konrad Adenauer, sie wissen es schließlich von ihm, und auch im Nachvollzug, daß ohne List und Tücke selbst ein Ideal-Kanzler heute oder morgen auf die Dauer weder die Mitte halten kann noch Koalitionsbegehren auslöst, aber immun bleibt gegenüber dem aufgeblähten Grünund-braun-Gewirbel der Turnschuh- oder Marschstiefel-bestücken Anhänger, Mitläufer und Mannen.