Im Märchen haben, wie man weiß, alle Dinge ein Leben, eine Seele, eine eigene Persönlichkeit. Auch die alten Häuser, wie der Märchendichter Hans Christian Andersen in einer schönen Geschichte so mitfühlsam schildert: „Das war so recht ein Haus zum Anschauen.“ Ein „Haus zum Anschauen“ war es auch, was da in Keitum auf der Insel Sylt stand: Ein Friesenhaus aus dem Jahre 1740, mit Sprossenfenstern, Reetdach und Dachgauben. Und um kundzutun, daß der Eigentümer sich in dem Haus wohlfühlte, hatte er seine Anfangsbuchstaben in schnörkeligen Eisenlettern auf der Fassade angebracht: „GF“. Jemand fand dieses Haus schließlich so anschauenswert, daß er es auch photographierte. Und einige Zeit später fand jener Mann, dessen Name mit G und F beginnt, das Abbild seines Hauses wieder: Auf dem Umschlagdeckel eines Werbeordners für das Prospektmaterial einer Textilfirma.

Zehntausend Mark Geldentschädigung verlangte der Hauseigentümer für die unberechtigte Nutzung des Photos. Und Urheberrecht, Eigentum und Persönlichkeitsschutz: All dies wurde drei Gerichtsinstanzen hindurch abgeklopft.

Menschen haben freilich ein Persönlichkeitsrecht, dessen Verletzung solche Ansprüche auslösen kann. Aber ein Haus? Wäre es nicht ein wenig zu märchenhaft, wollte man zwischen Haus und Hausherrn ein solches Persönlichkeitsrecht anerkennen?

Schon früher hatten die Karlsruher Richter sich über ein ähnliches Problem den Kopf zerbrechen müssen. Da hatte jemand das Bild seines Anwesens auf Teneriffa auf einem bunten Prospekt wiedergefunden mit dem Hinweis: „Jetzt ist Frühling auf Teneriffa und Madeira“. Mit dieser fröhlichen Mitteilung sollte es freilich nicht sein Bewenden haben. Denn der weitere Text legte den Schluß nahe, daß solch hübsche Häuser käuflich bei einer bestimmten Firma zu erwerben seien.

Diesen Eindruck aber mochten die Karlsruher Richter dem Eigentümer des Hauses nicht zumuten, der es weder von dieser Firma erworben hatte noch an einen Verkauf dachte. Sie hielten das Persönlichkeitsrecht für verletzt, freilich nicht das des Hauses, sondern das des Eigentümers. Und sie erklärten es später auch für unzulässig, daß jemand das Schloß Tegel photographierte, um es gewerblich als Postkarte unter die Leute zu bringen: Wobei der Photograph freilich die Aufnahmen vom Schloßpark aus gemacht hatte.

Und das alte Haus auf Sylt: Wie war es da mit dem Kommerz und der Persönlichkeit, wenn es nur von der Straße aus photographiert worden war, so wie es vor aller Augen stand?

In der Gerichtsverhandlung war sinngemäß gesagt worden, daß die Persönlichkeit des Eigentümers durch die Fassade hindurchschimmere: Hier lebe ich, so lebe ich, und dies ist mein Geschmack, wobei er diesen Eindruck durch seine Initialen zusätzlich nach außen hin verbrieft habe.