Etappen zwischen Pub und Abtei – mit dem Fahrrad durch Irland

Harry begrüßt uns in zerknitterter Hose und buntem Hemd. Er unterscheidet sich kaum von uns, die wir nach einem durchradelten Tag, auch nicht eben elegant aussehend, „Curravevagh House“ betreten. Wir drücken Harry ein bescheidenes Trinkgeld von 50 Pence in die Hand und schauen ziemlich dumm drein, als wir kurz darauf erleben, wie er französischen Gästen darzulegen versucht, warum es keine Zimmerschlüssel gibt: „Unsere Besucher sind unsere Gäste, da sollen sie sich auch als Freunde fühlen. Ein abgeschlossenes Zimmer gibt es doch auch nicht, wenn ich bei Ihnen zu Gast bin.“ Niemand widerspricht. Harry ist der Hausherr. Irisches Understatement nennt man so etwas.

„Curravevagh House“, diese viktorianische Villa, umgeben von einem gepflegten, verwilderten Park, in der Nähe von Galway gelegen, könnte die perfekte Kulisse für einen Agatha-Christie-Film sein, mit all den Hirschgeweihen und den Tigerfellen und der vornehmen Atmosphäre eines Dubliner Clubs. Weit reicht der Blick aus dem Fenster über die wilde hortensien- und palmengeschmückte Landschaft bis hin zum Lough Corrib mit seinen bewaldeten Inseln.

Dunkle Gongschläge erklingen. Der Mahnung um Pünktlichkeit eingedenk, eilen wir die Treppe hinunter zur Halle, wo der Torf im Kamin faucht. Die anderen Gäste, piekfein herausgeputzt, sind bereits versammelt. June und Harry haben sich in einen Sir und eine Lady verwandelt und bitten die Gäste, nein, ihre Freunde, zu Tisch, der mit schwerem Silber und kostbarem Porzellan gedeckt ist. Wie in einem teuren Pensionat schreiten, fast schweben sechs Frauen herein, servieren hausgebackenes brown bread, schöpfen eine dampfende, wohlriechende Fischsuppe in den Teller. Dann kommt die Lachspastete, der Lammrücken in Himbeersoße oder der frisch gefangene und pochierte Lachs – aus irischen Gewässern –, schließlich ein Rhabarberkuchen mit dicker flüssiger Sahne – ein Menü, vortrefflich in seiner ehrlichen Schlichtheit und von June, der Dame des Hauses, selbst bereitet.

Am späten Abend sitzen wir alle vor dem Kaminfeuer. Harry erzählt mit der den Iren eigenen Liebenswürdigkeit von seinen Kindern, von den Nöten seiner Angestellten, von denen einige schon sehr, sehr lange im Dienst der Familie sind. Am wärmenden Torffeuer werden alle an diesem Abend Freunde und berichten, weshalb sie sich auf den Weg zur Grünen Insel gemacht haben: wegen der Landschaft, wegen der Klöster, wegen des ausgeglichenen Seeklimas, wegen der Angelei und natürlich wegen der Iren. „Wo“, so sagt der Anlageberater aus Paris, „findet man noch so freundliche Menschen.“ Daß wir vor allem gekommen sind, um Rad zu fahren, sagen wir eher ein bißchen schüchtern. Aber niemand wundert sich.

Unser Radtrip durch Irland begann mit Schlangestehen vor dem Rent-a-bike-Laden in Galway. Trotz des Andrangs behält der freundliche Besitzer den Überblick. Gerade ist eine neue Sendung fabrikfrischer Fahrräder aus Fernost angekommen, und wir helfen gleich mit, unsere Räder aus den Pappkartons herauszuschälen. „Eine gute Saison“, strahlt der nette Mann, und wir glauben es ihm gern, auch daß er mit seinem Verdienst vier Monate lang durch Amerika reisen kann.

Ein blauer Himmel, der nach einem kurzen Regenschauer die in der Ferne liegenden Twelve Pins überwölbt, läßt uns frohgemut zum Etappenziel Clifden radeln. Wir haben die Strecke entlang der Küste von Connemara ausgewählt, eine Landschaft mit von Wäldern durchzogenen Tälern und feinsandigen Buchten, an denen Kälber wie toll herumspringen. Die Farben wechseln wie in einem Kaleidoskop – braun, grün, blau, grau, Moor und Wiese, Wasser und Fels. Der Zauber des Lichts übertrifft alles, was wir je auf Bildern gesehen haben.