Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

War was? Von einem Tag auf den anderen ist Bonn in die Osterpause gefallen wie in einen Erschöpfungsschlaf. Wasserwerk und Langer Eugen, Kanzleramt und Ministerien wirken nur noch wie die Kulissen eines längst abgedrehten Films. Keine Lichter mehr, die bis tief in die Nacht brennen; niemand, der von Sitzung zu Sitzung hastet; nirgends eilige Staatskarossen. Enttäuscht schlendern die ersten Strohhut-Touristen durchs Bundesviertel. Die Krise, die sie Abend für Abend auf dem Bildschirm gesehen haben, läßt sich bei aller Neugier nicht blicken.

Aber sie sitzt in den Köpfen, breitet sich aus, reist mit in die Urlaubsorte und Wahlkreise. Die Debatte wird außerhalb Bonns geführt. Die Unionsabgeordneten, die in Hessen ihre politische Basis haben, treffen dort auf jene Parteifreunde, die ihre lokalen Mandate verloren oder, nach den schon früher eingetretenen Rückschlägen, nicht wiedererobert haben. Das erzeugt Unmut, Resignation und Apathie, das Gegenteil von Engagement für die kommenden Stimmgänge, sei es für Europa (schon im Juni) oder für den Bundestag, auch wenn es damit noch eine gute Weile hat. Und wer bei der CDU im Saarland oder in Rheinland-Pfalz zu Hause ist, erlebt durch die Bank Notabeln seiner Partei, die nun erst recht um den Ausgang ihrer Kommunalwahlen bangen, die – womöglich ein zusätzliches Unglück – zusammen mit dem europäischen Votum stattfinden.

So schwappt die Krise, sich aufschaukelnd, zwischen Bonn und der Basis hin und her. Denn wie die Bonner Mandatsträger der Union in ihrer Heimat keine Zuversicht mehr vorfinden, so fällt es auch ihnen schwer, die geknickten Parteiseelen wieder aufzurichten. Sie haben ganz persönliche, sie bedrängende Sorgen. Siebzig bis achtzig Kollegen, so hat ein CDU-Abgeordneter ausgerechnet, hätten wohl Anlaß, den Verlust ihres Bundestags-Wahlkreises ins Kalkül einzubeziehen. Bei insgesamt 234 Unionsparlamentariern ist das ein hoher Anteil. Aber noch bezeichnender ist die Elle, die der vorsorgliche Warner angelegt hat: Wem die Wähler mit ihrer Erststimme nicht mindestens ein Polster von acht oder neun Punkten Vorsprung gegeben hätten, sagt er, der sollte sich besser nach einem sicheren Listenplatz umsehen.

Tatsächlich betreiben viele solche ganz privaten Hochrechnungen, zumal jene, und das sind die meisten, für die das Bundestagsmandat zum Beruf und damit zur Existenzgrundlage geworden ist. Auch andere machen sich Gedanken. In der Distanz der Amtsstuben sehen sich Schlachtenbummler von draußen von Beamten beiseite gezogen und um Auskunft gebeten, zu welchem Ende das alles wohl kommen werde. Wenn sogar die Bürokratie, dieser ruhende Pol, in Bewegung gerät, dann ist für die Regierenden, das wissen alte Bonner Hasen, wirklich Gefahr im Verzuge. So war es schon 1969 vor dem Machtwechsel zur sozial-liberalen Koalition, und so war es 1982 bei deren Agonie. Rechnende Abgeordnete und fragende Beamte: Das sind stille Krisensymptome, aber ernsthafter und kennzeichnender als aller Blitz und Donner auf der öffentlichen Bühne.

Daran ändert auch nicht viel, daß der Kanzler mit dem Versprechen nach Gastein abgereist ist, er werde über alles nachdenken, selbst über eine Kabinettsreform – besonders darüber. Daß Helmut Kohl, der sich stets nur zu den allernötigsten Veränderungen verstehen mochte, nun diese Botschaft hinterlassen mußte, zeigt seinen eingeengten Spielraum. Andere Optionen hat er kaum. Weder will und kann er die CDU- und die Koalitionsachse, kleine Korrekturen ausgenommen, nach rechts verschieben, noch machte es Sinn, wenn sich die CSU über die Mainlinie ausdehnte – selbst wenn, auch das nur blasse Theorie, die CDU darauf verzichtete, in Bayern einzumarschieren. Abgesehen davon, daß der kleineren Unionsschwester für einen solchen Vorstoß alle Mittel fehlten und sie, wie 1980 bei der Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß, entscheidend auf die Hilfe der CDU angewiesen wäre – unter dem Strich käme nur ein Konkurrenzverhältnis heraus, das die gesamte Union schwächte. Die Lehren aus der Zersplitterung des bürgerlichen Lagers andernorts, besonders in Skandinavien, schrecken. Das sieht vor allem auch der neue CSU-Vorsitzende Theo Waigel.