Was haben die Erkenntnisse Louis Pasteurs mit Hindu Weisheiten gemeinsam? Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Kampf gegen Bakterien und dem Weberhandwerk und welcher zwischen Karbolsäure und Gangeswasser? Der Kreis der Indizien schließt sich nach über fünfhundert Buchseiten, nur vorläufig, wie es scheint, es hätten genauso tausendundeine sein können. Amitav Ghosh fabuliert ins Uferlose.

Die Geschichte beginnt in dem bengalischen Dorf Lalpukur, es müssen die frühen sechziger Jahre sein. Das Waisenkind Alu wächst bei seinem Onkel, einem belesenen Lehrer auf. Dort gerät Alu geradezu schicksalhaft unter den Einfluß zweier Dinge: das Meßwerkzeug, mit dem der Onkel Alus erstaunlichen Schädel in die Zange nimmt, um Hinweise auf den Charakter des Jungen abzulesen, und die Lektüre des Buches "Pasteurs Leben". Die Phrenologie und die Mikrobiologie sind in diesem Haushalt, der nach westlicher Wissenschaft und Technik lechzt, die neue Religion. Doch während das Interesse an Kretschmer und seiner Typologie der Körperbauten erlahmt, steigert sich das an Louis Pasteur und seinem Kampf gegen die Bakterien zur glühenden Leidenschaft.

Die findet genügend Futter in einem Dorf, das durch den Flüchtlingsstrom aus dem benachbarten Bangladesch und entsprechend verheerenden sanitären Verhältnissen der Seuchengefahr ausgesetzt ist. Für Onkel und Neffen gibt es kein Halten mehr. Eine Desinfektionskampagne wird gestartet, das Dorf unter Karbolsäure gesetzt, "pasteurisiert": "Antiseptisch und eingehüllt in einen stechenden Desinfektionsgeruch war (er) noch nie so glücklich gewesen "

Die beiden wollen die Bewohner Lalpukurs aufgeklärten Zeiten entgegenführen. Aufklärung verstehen sie dabei nicht nur als Befreiung von Mystik und Aberglauben durch die Macht der Vernunft, sondern vor allem wörtlich: als Befreiung von trübem Schmutz mittels Desinfektion. Was als rührend naive Auslegung erscheint, entspricht dennoch dem doppelsinnigen europäischen Aufklärungsgedanken, bei Kant oder Nicolai etwa, der eine verbesserte Infrastruktur und hygienischere Verhältnisse miteinschloß.

Doppelsinnig ist aber auch der Begriff von Schmutz, dem nicht nur Reinheit, sondern auch menschenfeindliche Sterilität, ja Menschenfeindlichkeit überhaupt gegenübersteht. Lalpukur erhält also seine "Pasteur Schule der Vernunft" mit den Abteilungen für "reine Vernunft, für "praktische Vernunft" und für "kämpferische Vernunft". Und letztere bedeutet die Bewaffnung mit Desinfektionsspritzen.

Alu liest in der Bibliothek seines Onkels Pasteur, aber statt eine akademische Laufbahn anzuvisieren, erlernt er das Weberhandwerk. Auch das hat irgendwie mit Pasteur zu tun, natürlich Und schließlich sei das Weben raum zeitlich universell, der Mann am Webstuhl das Sinnbild des Homo Aufklärung kommt es im Dorf zu Zusammenstößen mit einem mafiosen Lokalpolitiker: Vernunft ist für ihn ein totaler Machtbegriff: "Unser Zeitalter ist das der geraden Linien Er hetzt den Geheimdienst auf den "Extremisten" Alu. Für Alu beginnt eine ziellose Flucht durch Arabien und Nordafrika, begleitet von einem bunten Rudel Weggefährten und immer verfolgt von dem Geheimagenten Jyoti Das. Doch der jagt nur mit halbem Herzen, da seine wahre Leidenschaft, der er unterwegs auch ausgiebig frönt, der Beobachtung seltener Vögel gilt.

Am Ende stoßen dann doch noch alle aufeinander, es kommt zum unausweichlichen showdown, Doch der ist nicht gewalttätiger, sondern ganz abgeklärter Art. Am Ende geben sich Rationalismus und Spiritualismus noch ein letztes Stelldichein, bevor es die Exil Inder in alle Himmelsrichtungen treibt. Am Ende wird ein Anfangsmotiv wieder aufgegriffen: "Brahma ist das Atom". Und umgekehrt. Die entwurzelte kleine Gesellschaft späht schon wieder nach dem Silberstreif am Horizont. Schlicht und ergreifend sind die drei Teile des Romans übeschrieben: "Vernunft", "Leidenschaft" und "Tod". Doch Ghoshs Erzählweise, ist alles andere als feierlich oder esoterisch. Naivität der Charaktere, seien sie pfiffig oder nachdenklich, und burleske Situationskomik vereiteln eine Scheu vor einem "west östlichen Divan". Wenn zum Beispiel bei vorwissenschaftlichen und deshalb wissenschaftsgläubigen Helden Mensch und Technik aufeinanderprallen, dann hat das auch sexuelle Züge, und zwar recht handgreifliche: Einem Flugzeug wird nachgesagt, im Dorf ein Kind gezeugt zu haben; eine "Singer" Nähmaschine wird ihrer Benutzerin zum Lebens- und Liebespartner; Alu liegt unter einem wegen bautechnischer Mängel eingestürzten Hochhaus geborgen wie im Mutterleib und hat endlich Muße, über den Zusammenhang von Schmutz und Geld nachzudenken. Wie neugeboren kehrt er ans Tageslicht zurück, um ganz vernünftig Aufruhr zu stiften.