Das Armesünderglöckchen läutet. Die Stadtmusikanten schlagen die Trommel, stoßen in die Trompeten. Langsam bewegt sich. der Zug zum Marktplatz. Dort ist über Nacht ein Galgen aufgebaut worden. Ein rotes Tuch ist ausgebreitet, wie immer, wenn ein Malefikant durch den Scharfrichter vom Leben zum Tod befördert werden soll.

Doch auf dem Esel, den die Henkersknechte am Strick führen, sitzt kein Todeskandidat. Eine mit Flammen bemalte Kiste schaukelt auf dem Rücken des Tieres. Am Blutgerüst greift der Henker in den bunten Sarg – und holt ein Buch heraus. Stadtschreiber malen den Titel auf große Bogen Papier und nageln sie an den Pranger, in allen vier Windrichtungen. Der Gerichtsbote verliest das Urteil über das zum Tod in den Flammen verdammte Buch. Der Richter hebt den Holzstab, der den Körper des Delinquenten darstellt – und bricht den Zweig entzwei. Jetzt spießt der Henker das Buch auf eine Mistgabel, zeigt es der Menge und wirft es in den mit brennendem Reisig gefüllten Kessel. Oft muß er mit der Gabel die Seiten wenden: Bücher wollen nicht brennen.

Jahrhundertelang hat Europa dieses Schauspiel erlebt. Oft wurde nicht nur ein Buch, sondern auch sein Autor zum Richtplatz geschleppt. Don wurde ihm die „sündige“ Schreibhand abgehauen, die Zunge ausgerissen und an den Pranger genagelt. Dann wurde er, zusammen mit seinem Werk, auf den Scheiterhaufen geworfen und in Flammen zur Hölle geschickt. Der Stockmeister und seine Blutknechte kehrten am Ende die Asche zusammen und streuten sie in den Fluß oder in die vier Winde.

In Warschau mußte 1689 der einer katholischen Obrigkeit als „Atheist“ geltende Schriftsteller Kazimierz Leszynski seine brennenden Bücher halten, bis die Flammen auch ihn verzehrten. „Die Asche wurde endlich in ein Stück (=Kanone) geladen und gegen die Tartarey geschossen.“ Mit Leuten, die ihren Kopf zum Denken gebrauchen, will man nichts zu tun haben, Weg mit der Asche, auf der Gottes Fluch liegt. Sollen die heidnischen Tartaren sehen, wie sie mit ihresgleichen zurechtkommen.

Wie hatte schon zweihundert Jahre zuvor Enea Silvio Piccolomini geseufzt, der als Pius II. gerade den Papst-Thron erklommen hatte: „Des Bücherschreibens ... ist nun kein Ende und Vieler Sinn ist verderbt ... Deshalb handeln diejenigen verständig, welche verdammte Bücher verbrennen und nicht Allen die Erlaubnis zum Schreiben geben.“ Und Leopold I. hatte 1698 die kaiserliche Reichszensur ausgedehnt auf Schriftwerke, die seine Postreiter transportieren sollten: Enthielten die doch „öffters publica und höchst verbotene Secreta, welche bey denen Außländern schädliches Nachdencken und andere gefährliche Confusiones verursachen“ könnten.

Seit Chomeinis Todverkündung an den Schriftsteller Salman Rushdie wird auch Autoren im vergleichsweise windstillen Winkel Europa wieder bewußt: wer schreibt lebt gefährlich. „Die Geschichte des Geistes und des Glaubens ist zugleich die Geschichte des Ungeistes und des Aberglaubens ... Die Geschichte der Freiheit ist ... die Geschichte ihrer Unterdrückung ... Seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt... Das blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün.“

Das hat Erich Kästner gesagt, als nach 1945 die Scheiterhaufen der Nazis weggeräumt waren. „Über das Verbrennen von Büchern“ nannte er seine Rede – und es war klar, daß er über Menschen klagte, die zwölf Jahre lang verbrannt worden waren: „Wenn die Intoleranz den Himmel verfinstert, zünden die Dunkelmänner die Holzstöße an und machen die Nacht zum Freudentag. Dann vollzieht sich, in Feuer und Qualm, der Geiselmord an der Literatur.“