Von Alexander Smoltczyk

Es ist schwierig, eine gepolsterte Tür krachend ins Schloß zu werfen. Zumal, wenn es sich um die Pforten des Olymp der französischen Politik handelt, um die des Elysée-Palastes. Doch als Régis Debray, Altrevolutionär und Romancier, dem schöngeistigen Präsidenten im Januar den Rücken kehrte, horchte Frankreich auf. Regis Debray hat ihn noch einmal geprobt: den Aufstand des Intellektuellen. Aus Protest gegen die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Französischen Revolution legte er sein Amt als außenpolitischer Berater François Mitterrands nieder.

„Diese 200-Jahr-Feier ist eine Katastrophe! Die Linke hat ihre Revolution verraten, hat sich von den liberalen Historikern einen Keuschheitsgürtel umlegen lassen ...“, so hatte Debray, der sanfte Revolutionär schon in den letzten Tagen des vergangenen Jahres hinter vorgehaltener Hand geschimpft. Damals, beim Gespräch im Vorzimmer Mitterrands, mußte er mit seiner Meinung noch hinter dem Berg halten, und die Wut des Regis Debray lag, zu den dreihundert ziselierten Seiten eines „Briefes an den Präsidenten“ gebändigt, nur erst als Manuskript neben Stövchen und Teekanne. Nun hat er sein Büro über der alten Revolutionsgasse Rue du Faubourg St. Honoré verlassen, und sein als Buch veröffentlichter Mahnbrief „Die Republik soll leben“ („Que vive la Republique“; Editions Odile Jacob, Paris 1989) läßt die Pariser Medienwelt wohlig schaudern angesichts solch Insolenz.

Sieben lange Jahre hat der ehemalige Guerillero Debray mitregiert, nachdem ihn der Präsident 1981 zu sich in den Palast gerufen hatte. Nichts erschütterte ihn, weder das Versenken des Greenpeace-Schiffes „Rainbow Warrior“ in Neuseeland durch den französischen Geheimdienst, noch die Atomversuche auf pazifischen Atolls, noch die Neutronenbombe in den Farben Frankreichs. Er „schwieg und wußte ... “, während seine Standeskollegen, die Clercs im besten Falle protestierten, aber nichts wußten von der Macht. Doch als die Grande Nation drohte, sich lächerlich zu machen, kündigte Debray der hohen Politik das Vertrauen: eine Feier, die die große und schreckliche Revolution auf Menschenrechtserklärungen und trikolores Ringelreihen unter dem Zeichen des Konsenses beschränken möchte – das war zuviel. „Ohne großes Reden und Trompetenstöße haben die Feinde der Republik die Macht in der Gesellschaft ergriffen. Vor allem anderen das Geld und die Medien. Deren Allianz hat diejenige von Thron und Altar ersetzt“, so schreibt er mit Zolascher Verve in „Que vive la Republique“. „Die Republik ist aber keine Staatsform neben anderen. Sie ist ein Ideal und ein Kampf. Sie erfordert nicht allein Gesetze, sondern einen Glauben.“ Und der fehlt im Lande Frankreich.

Das Vaterland ist in Gefahr. Ausgerechnet zum 200. Geburtstag jener „Nation“, die sich einst in den Generalständen selbst erfahren und gefunden hatte, scheint sich Frankreich in ein buntes Häuflein von Konsumenten und Produzenten, Aktionären und Funktionären, von Automobilisten und Arbeitslosen zu verwandeln. Einem Häufchen Eisenfeilspäne gleich, denen der ausrichtende Magnet abhanden gekommen ist. Denn einer fehlt: der Citoyen, dem die Bürgerpflicht Passion ist.

Wer dieser Entwicklung Frankreichs zu einer kapitalistisch-entzauberten Gesellschaft die passende Geschichte schreibt, den überschüttet Debray mit scharfer Polemik: Die liberalen Revolutionshistoriker aus der Schule von François Füret sind die erklärten Lieblingsfeinde.

Füret hat seit Mitte der sechziger Jahre mit großem Erfolg den „jakobinischen Katechismus“ demontiert, und ihm wird in diesem Jahr als „König der Revolution“ medial gehuldigt. Dabei hatte Füret lediglich das Sakrileg begangen, die Revolution als einzigartiges und universelles Ereignis für „beendet“ zu erklären und als ganz normale, nur nicht besonders gelungene Form der Modernisierung zu entlarven. Mit Alexis de Tocqueville als Zeugen reihte Füret den Nationalmythos „89“ ein in die säkulare Herausbildung eines souveränen Staats und einer bürgerlichen Zivilgesellschaft. Eine Entwicklung, die im 18. Jahrhundert ihren Ausgang nahm und ähnlich in anderen Ländern stattfand – nur ohne revolutionäre Schrecknisse. So Füret; und obwohl der „Revisionist“ seine Thesen inzwischen etwas revidiert hat, verfolgt ihn Debray in sonderbarer Wut: „,Die Revolution ist zuende’ – das ist seit 195 Jahren der Irrspruch derer, die der Meinung sind, die Revolution hätte am besten gar nicht stattfinden brauchen“, klagt Debray und erinnert an die wahrlich republikanischen Feiern zum Hundertjährigen, als Frankreich noch uneingeschränkt stolz war auf seine Jakobiner-Revolution.