Von Peter von Becker

Ein wunderliches Buch. Eine merkwürdige Lektüre. Schon der erste Satz ist eine Falle: "Als Gusti den Tod Sallys erfuhr – im Sommer 1980 –, saß er in der Bar des einzigen Hotels am Toten Meer, einem in die Steinwüste geworfenen Fertigbau aus Zementplatten, der entweder nie fertig geworden war oder schon wieder zerfiel." Ähnlich wie in Wim Wenders’ Film "Paris, Texas" beginnt die Geschichte in einem Zivilisationsrelikt mitten in der Wüste, startet im "Dead Sea Motel". Natürlich wittern wir bei einer Todesbotschaft am Toten Meer, in dieser heillosesten Gegend des Heiligen Landes, gleich etwas Vertracktes, Abgründiges.

Dennoch halt Urs Widmers Roman mit dem fast unaussprechlichen Titel "Der Kongreß der Paläolepidopterologen" für eine Weile an diesem dokumentarisch trockenen Ton fest. Zwar gibt es auf den folgenden dreihundert Seiten, die sechs Jahrzehnte und die Räume von vier Kontinenten umfassen, keine exakten chronikalischen Daten mehr. Doch man erfährt mit einigen nüchtern und scheinbar arglos berichtenden Sätzen: Herr Gusti ist offenbar ein bedeutender Schmetterlingsforscher (Lepidopterologe); allerdings jagt er nicht wie einst Vladimir Nabokov den lebenden, sondern bereits versteinerten Falterarten nach. Und zum "zwanzigsten Geburtstag seines Buchs, das die Bibel aller Paläolepidopterologen geworden war", findet in Jerusalem ein Weltkongreß jener sonderbaren Wissenschaft statt.

Gusti, dem achtundfünfzigjährigen "Nestor" des Gewerbes, gehen freilich die jungen Kollegen, Inhaber "wichtiger Lehrstühle in Amiens oder Warwick", zunehmend auf die Nerven; also mietet er sich einen "schwarzen Ford Fiesta" und sucht für drei Kongreßtage Abwechslung, am See Genezareth und am Toten Meer, mit seinem ihm zugeteilten jungen israelischen Sicherheitsoffizier, der Esther heißt und schnell seine Geliebte geworden ist. Sally übrigens, die jüngst Verstorbene, war auch einmal Gustis Liebhaberin – und zuletzt 81 Jahre alt...

Obwohl diese Mitteilungen auf den ersten Seiten so lapidar dargeboten werden, stürzt das Buch seine Leser gleich in helle Konfusion: Was sind hier Fakten (und was nur "Fakten"), warum behauptet Urs Widmer, Gustis Hotel auf dem Gipfel des Ölberges – das real existierende "Jerusalem Intercontinental" – stehe "genau da", wo Jesus in der Nacht vor seiner Gefangennahme in Todesangst und Zweifel ausgebrochen sei (obwohl der Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs liegt), wieso gelangt der Brief mit der Nachricht von Sallys Ableben (aus Los Angeles) ins Postfach des spontan Aufgesuchten "Dead Sea Motels"? Und diese Titel-Geschichte mit den versteinerten, paläozoischen Schmetterlingen – ist das nun ein Trick oder Tick des Erzählers?

Professor der Exzentrik

Auf die letzte Frage gibt Urs Widmer im Fortgang eine kunstvolle Antwort. Denn Gusti alias Gustav Schlumpf erweist sich nicht als der zunächst zu erwartende Roman-Sonderling: Er ist kein exzentrischer Professor einer exzentrischen Wissenschaft, sondern war die meiste Zeit seines beruflichen Lebens Soldat im Schweizer Heer (die israelische Esther: "Ihr seid unser Vorbild"): zuerst nur der Wehrpflicht wegen, später irgendwie überredet, aber nicht überzeugt. Ein Grünarmist aus ziviler Unschuld. Und die Sache mit den Faltern schien eher eine Marotte, ein Ausfluchtsversuch. Mit phantastischen Folgen.