Die Kellnerin des kleinen Restaurants in Hanoi hat ihr Portemonnaie gegen einen Korb ausgetauscht, den sie beim Kassieren von Tisch zu Tisch trägt. Sie hat das weniger aus ästhetischen als aus praktischen Erwägungen heraus getan, denn die Geldbündel, die zum Bezahlen eines Mittagessens nötig sind, würden auch das geräumigste Portemonnaie sprengen.

Die Inflation galoppiert in der Volksrepublik Vietnam. Es gibt keine seriösen Daten über die Höhe der Inflationsrate, die Schätzungen bewegen sich um tausend Prozent. Vietnam hat es damit geschafft, Argentinien und Brasilien zu überrunden; lediglich Nicaragua dürfte derzeit an einem noch schnelleren Verfall seiner Währung leiden. Die Entwertung des Dong ist dabei nur einer der Indikatoren für das ökonomische Desaster, mit dem Vietnam knapp fünfzehn Jahre nach dem Ende des zweiten Indochinakrieges konfrontiert ist. Eine zu geringe Lebensmittelproduktion, Knappheit an Gütern aller Art, steigende Arbeitslosigkeit und chronischer Kapitalmangel komplettieren das düstere Bild.

Auf den Straßen, auf den Märkten, überall sind Menschen zu sehen, die Geld zählen und die Banknoten in dicken Bündeln sortieren. Der Preis für ein Kilo gutes Rindfleisch ist innerhalb eines Monats von 4000 auf 5000 Dong gestiegen. Das sind zum Schwarzmarktkurs umgerechnet jeweils ein Dollar und ungefähr die Hälfte des Monatsverdienstes eines mittleren Staatsangestellten.

Neben der rasant an Wert verlierenden Landeswährung haben sich drei inoffizielle Währungen etabliert. Eine englische Zigarette der Marke "555" – die schon Ho Chi Minh vorzugsweise geraucht hat – entspricht einem US-Dollar. Die Währung des "US-Imperialismus", den die Vietnamesen außer Landes getrieben haben, ist dem Lande erhalten geblieben und spielt eine zunehmend wichtigere Rolle. Nicht nur Ausländer müssen so gut wie alles mit greenbacks bezahlen, der Dollar ist auch das Zahlungsmittel bei größeren Geschäften zwischen Vietnamesen. Wer ein Haus erwerben will, kann das nur in Dollars tun – oder in Gold, der dritten inoffiziellen Währung.

Während der Wechselkurs der Nationalbank in Hanoi Ende des Jahres noch immer bei unter 400 Dong für einen Dollar lag, hatte der Schwarzmarktkurs die 5000 Dong schon längst überschritten. Mittlerweile wurde die Landeswährung mehrmals drastisch abgewertet, um den offiziellen Kurs dem des Schwarzmarktes anzugleichen. Auch offiziell werden heute 4500 Dong für einen Dollar getauscht.

Ein entscheidender Grund für die Misere sind die großen Staatsbetriebe. Diese lange als Inbegriff sozialistischer Wirtschaft angesehenen Produktionseinheiten arbeiten bis heute mit zum Teil gewaltigen Defiziten. Was sie an Bürokratie im Überfluß haben, mangelt ihnen an Produktivität. Immerhin müssen sie mittlerweile Gewinn- und Verlustrechnungen erstellen. Woran es besonders fehlt, ist ein qualifiziertes Management. Nach dem Sieg über die Amerikaner und ihre Verbündeten wurden vorzugsweise Kriegshelden mit Posten in der Wirtschaft belohnt. Diese Veteranen waren kaum für ihre neuen zivilen Aufgaben ausgebildet und versagten in vielen Fällen kläglich.

Während die Staatsbetriebe Subventionen aufsaugen, hat es die Regierung bislang völlig versäumt, ein Steuersystem zu entwickeln. Es gibt in Vietnam bis heute weder Einkommen- noch Umsatzsteuer. Lediglich von den Volkskomitees, das heißt den Gemeindeverwaltungen, werden auf lokaler Ebene Steuern festgesetzt. Der Willkür ist dabei Tür und Tor geöffnet, der Steuersatz läßt sich durch Schmiergeld gewöhnlich beachtlich senken.