Dichte Rauchschwaden breiten sich auf einer Fläche von 2,6 Millionen Quadratkilometern über dem brasilianischen Regenwald aus, steigen bis zu 4000 Metern; ihre Gase und Partikel wandern, vom Jetstream mitgerissen, in Richtung Antarktis. Aufnahmen der US-Raumfähre Discovery, in der vergangenen Woche veröffentlicht, zeigen die Rauchwolke, die inzwischen so groß ist, daß sie alle Staaten der Europäischen Gemeinschaft verhüllen könnte. Der Rauch stammt von den riesigen Brandrodungen im Amazonas-Gebiet. Ist er Teil einer globalen Klimakatastrophe?

„Der Wärmekraftmechanismus des Klimasystems wird in erster Linie durch die Verdunstung von Wasser über den riesigen tropischen Ozeanflächen, also vom Pazifik, vom Indischen Ozean und Atlantik, angetrieben. Die Veränderungen, die durch die Vernichtung des Regenwaldes entstehen, werden durch sehr viel größere, natürliche Schwankungen überschattet“, warnt Klaus Hasselmann, Leiter des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, vor allzu eiligen Rückschlüssen auf das weltweite Wetter.

Realismus tut not, denn derzeit setzt sich die griffige, aber falsche Schlagzeile von der Vernichtung der „grünen Lunge der Erde“ auch in Politikerköpfen fest. Die Formel unterstellt, daß die Biomasse der Tropenwälder das Kohlendioxid der Luft über die Photosynthese in Sauerstoff verwandele. „Der Regenwald“, klärt Klaus Hasselmann auf, „ist ein in sich geschlossenes Ökosystem. Er gibt durch die Vermoderung, durch die in ihm lebenden Tiere und Kleinorganismen ebenso viel CO2 wieder ab, wie er aufnimmt.“

Eine Arbeitsgruppe von achtzig Wissenschaftlern, gesponsert von der brasilianischen Regierung und unterstützt von der US-Raumfahrtbehörde Nasa, attestierte der angeblichen „grünen Lunge“ sogar einen giftigen Atem. Vierzig Prozent der weltweiten Stickoxide, so das Ergebnis ihrer zweimonatigen Messungen zur Regenzeit, steigen bei abnehmender Feuchtigkeit des Bodens aus den Tropengebieten auf. Steven Wofsy, Mitglied der Arbeitsgruppe, hält es für möglich, daß die über dem Regenwald freiwerdenden Stickoxide mit dem ebenfalls aus den Wäldern aufsteigenden Spurengas Methan gar den Treibhauseffekt verstärken könnten. Sind die unberührten tropischen Wälder, soeben noch als Sauerstoffreservoir gefeiert, plötzlich an der Aufwärmung der Erde durch eine sich verdichtende CO2-Glocke – dem Treibhauseffekt – mitschuldig? Auch vom wertvollen Ozon, glaubt die Arbeitsgruppe, verbrauche der unersättliche Dschungel mehr, als er erzeuge. Also weg mit dem Tropenholz?

„Der unberührte Regenwald ist ein konstanter Klimafaktor und kann es deshalb nicht verändern“, schränkt Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie die Aussagekraft der brasilianisch-amerikanischen Studie ein. Doch nicht der Regenwald an sich beunruhigt in erster Linie die Klimaforscher. Sie interessiert vielmehr der Zug der schwarzen Wolke.