Schamirs verzweifelter Versuch, das Weltjudentum um sich zu scharen

Von Henryk M. Broder

Jerusalem, im März

Spätabends, in der Lobby des Hilton Jerusalem, wurde über Klassenunterschiede diskutiert. Präsident Herzog hatte prominente Teilnehmer der „Konferenz für jüdische Solidarität mit Israel“ zu einem Empfang in seine Residenz geladen, alle übrigen Konferenzgäste konnten als Zuschauer der Abendnachrichten im Fernsehen der Party beiwohnen. „Warum bin ich nicht eingeladen worden“, regte sich eine aus Nordamerika angereiste Dame auf, „wie stehe ich jetzt vor meiner Gemeinde da?“ Einer Bekannten von ihr war alles recht: „Ich komme immer gerne nach Jerusalem, man trifft alte Freunde wieder, lernt neue Leute kennen. Es ist wie eine große Familienfeier.“

Die große Familienfeier, zu der über 1500 Juden aus aller Welt nach Jerusalem gekommen waren, war als eine von der Regierung organisierte Kundgebung zugunsten der Regierung geplant. Diese hieß ausgewählte Repräsentanten jüdischer Organisationen, vor allem aus den Vereinigten Staaten, nach Israel einfliegen. Das Ergebnis der Konferenz wurde bereits bekanntgegeben, noch ehe sie begonnen hatte. Es sei „lebenswichtig“, erklärte Ministerpräsident Schamir am Vorabend des großen Treffens, der amerikanischen Regierung klarzumachen, daß die Mehrheit der amerikanischen Juden die israelische Position – keine Verhandlungen mit der PLO – unterstütze.

Wie ein Boxer vor dem K.o.

Die Konferenz war kurzfristig angesetzt und eilig vorbereitet worden, aus gutem Grund: Anfang April fährt Schamir nach Washington. Da er praktisch mit leeren Händen kommt – die von ihm seit Monaten angekündigte „neue Friedensinitiative“ ist nichts anderes als eine leicht modifizierte Fassung des zehn Jahre alten Camp-David-Abkommens – möchte er wenigstens dem amerikanischen Drängen, mehr Flexibilität zu zeigen, etwas entgegenhalten, und sei es nur eine Resolution, in der ihm bestätigt wird, er sei auf dem richtigen Weg.