Weiß sind die Wände des Henkers, so schwarz wie der Engel und der Schlittenfahrer im Schnee, "ein schwarzer Fleck wie ein Teufelsfinger". Schwarz, beerenschwarz liegen die Augen der weißen Ganter im Sand. Weiß ist "das Gefieder, das Fleisch und selbst der Boden unter ihnen", weiß und tot. Eben noch sind sie rotäugig und stolz, ja, "würdevoll", einer Truppe Dragonern gleich, ordentlich durchs Dorf marschiert; führten sie "ein hartes Regiment über das Land und trampelten mit strammem, vom Hunger getriebenem Schritt, über Sand und Asche und die Lichtnelke hinweg". Und nun hat ihnen einer den Hals umgedreht.

Schwarz und Weiß, Mensch und Tier, das Lächerliche und das Fürchterliche überkreuzen sich beständig in John Hawkes drittem Roman "The überaus reiche Werk von grausiger Komik auch in deutscher Übersetzung vor: "II Gufo. Der Henker von Sasso Fetore".

II Gufo, der Uhu, nennt man den Henker und Herrscher dieser surrealen und doch so real wirkenden Stadt Sasso Fetore, angesiedelt in einer archaischen Zeit zwischen Mittelalter und Altertum, (Schauer )Romantik und faschistischer Neuzeit. In des Henkers Wappen verwandelt sich sein berstendes Herz in einen Uhu — eine Nachteule —, "weise, mit hörnerartigen Ohrbüscheln und einem halbzerfetzten Nagetier in den Klauen. Der kluge, der gierige Vogel krallte sich besitzergreifend in die Überreste seiner Beute, blickte von seinem Schild herab, schweigend, mächtig, mit Federn und Fetzen von Eingeweiden in seinem gebogenen Schnabel".

Mit dem Segen der Kirche herrscht II Gufo, der sich ganz gern aufplustert, in dieser Stadt der alten Männer (mit fettigen Haaren), der Toten und der Jungfrauen, "die noch kein Mann je erblickt hatte, die durch die ewige Entsagung so zeitlos geworden waren wie der Tod auf einem Wagenrad mit gebrochenen Speichen, das sich auf einem Mast im Kreise dreht". Hoffnungslos ist die Lage. Ein weißes Segel am Horizont wird als Einbildung verworfen. Junge Männer gibt es nicht in dieser Stadt ohne Zukunft, nicht einmal mehr Schweine — und wenn, dann würden die Alten ihnen "die wohlschmeckendsten Eingeweide herausschneiden, um sie schwarzgeröstet und dampfend wie Kastanien zu servieren". Hawkes spricht eine deutliche Sprache, grausam, nackt, ohne den Schutz schmückender Worte und breiten Erzählens, reduziert auf blanken Hohn und Horror: 92 Seiten kurz ist der Roman, wenn man die Parabel denn überhaupt so nennen kann.

Um sich seiner Macht zu vergewissern, besucht der eitle Tyrann gerne Gräber — Tote können sich nicht wehren. Nicht daß die Lebenden das tun würden. Sie betrachten die Herrschaft des Henkers als Naturereignis, so wie die Krähen seine Zerstörung ihrer Nester akzeptieren. Stumm. Unterstützt wird der Henker von seinem kindlichen Mündel, ein Narr und Clown, "ein lebender Witz, ungelenk, unbekümmert" und brutal; betrunken schwenkt dieser Liktor die Fasces wild durch die Luft.

Hawkes, der gern damit kokettiert, unpolitisch, ungebildet und "unphilosophisch" zu sein, liefert mit seinem frühen Roman keine Analyse des Faschismus. Wahrscheinlich würde er sich schon gegen den Gedanken wehren, den Faschismus in einem, seinem, Roman überhaupt erklärbar erfrischen Eindruck des Zweiten Weltkriegs, in dem Hawkes Fahrer eines Krankenwagens war, ist "H Gufo" wohl eher der Versuch (der zweite nach dem im nationalsozialistischen Deutschland angesiedelten Roman "The Cannibal"), den Alptraum in Worte zu fassen; Phänomene der Unterdrükkung und Gewalt, auch in ihrer Lächerlichkeit, die Verwaltung des Todes, den totalen Verlust aller Werte und der Vernunft schreibend zu umkreisen.

Der Vorwurf, Hawkes dämonisiere den Faschismus auf verharmlosende Weise ist nur zum Teil "richtig. Sicher gibt es in dieser Welt ohne Gott und Teufel Menschen, die so handeln, als seien sie beides in einer Person, nämlich der Henker und sein Gefangener, der zugleich Gegenspieler, Verbündeter und Doppelgänger des Uhus ist, nicht nur unschuldiges Opfer: am Kragen trägt der (Kriegs )Gefangene Totenschädel und gekreuzte Knochen. Gemeinsam sitzen Henker und Gefangener in einer schwarz weißen Festung über der Stadt. Offenbar sind sie die einzigen heiratsund zeugungsfähigen Männer der Stadt. Der Gefangene erfüllt sich seinen, des Uhus eigenen Traum vom Fliegen — aus den Federn der Ganter baut er sich die Flügel. Selbst die Leidensgeschichte Jesu teilen sich Täter und Opfer: die respektlosen Anspielungen reichen vom Abendmahl bis zum Esel (mit rostigen Glöckchen im knorpeligen Ohr), auf dem der Henker reitet: "Heil, heil dir, Henker!" Sterben muß aber doch der Gefangene, am Strick des Henkers, in einer Schlußpassage, in der jeder Absatz anhebt wie aus der Bibel gestohlen — "Und dann war für ihn der Weg zu Ende", "Und man hörte Maschine und Mensch gleichzeitig", "Und in der Menge ", "Und die Luft war feucht und kalt".