Nahe am Eingang sitzt ein Weltempfänger nach Art von Jean Tingueley, lockt knarrend und rauschend Sender aus den Sphären in die bloßgelegte Platine. Etwas weiter, um die Ecke herum, hockt ein winziger blauer Affe auf einer Apfelsinenkiste und reibt sich mit der rechten Hand verwundert die Augen, vor ihm hat sich ein künstlicher Stalaktit in den Kistenboden gebohrt. Oberhaupt, zu seltsam ist, was um ihn herum geschieht. Die Welt, sie ist nicht mehr, was sie gestern noch war, und Alice im Wunderland ist berufene Patin dieser Ausstellung von Kleinplastik.

Ein Bierglas mit chemisch dichtschließender Schaumkrone putzt sich machtig auf, mit einem stolz getragenen Eichhörnchenschwanz: ein listig verfremdetes Zitat eigener Arbeiten, was Meret Oppenheim hier zusammenfügte. Weiter hinten in den Räumen ruht auf kniehohem Podest eine gläserne Phiole, überarmlang, im weiß ausgeschlagenen Futteral, gefüllt mit rotem Elixier: ein geradezu monströses „Liebesbarometer“. Der Liebe zum Trotz, der Liebe zum Hohn? 1985 erdachte Rebecca Horn dieses Werk.

Rund sechzig Skulpturen, selten höher als einen Meter, vielmehr meist kleiner, sculture da camera, zeigen abseits vom Hang zur Gigantomanie auf Kunstmärkten und internationalen Kunstshows den Witz des Kleinen, die Schliche des David in der Kunst neben Goliath.

Es war schon die Katze im Sack, die der Neue Berliner Kunstverein sich da einkaufte, als er eine Ausstellung übernahm, die keiner der Verantwortlichen gesehen hatte. Freilich, der Katalog zeigte manches her, auch die Namen klangen gut: zeitgenössische Kleinplastik, Zimmerskulpturen, im internationalen Überblick, so oft sieht man das nicht. Entscheidender noch war vielleicht der Ruf, der dieser Kabinettshow vorauseilte. Und da genügte dann das Wort von Christos Joachimides um die Entscheidung zu fallen, teure Versicherungen, teure Transporte zu beauftragen. Nicht zum Schaden, wie man sehen kann.

Ein Stück Holz mit Rinde noch, dann geschält, die Ecken gerundet, vorn eine Spitze herausgeformt, die Mitte ausgehöhlt, letzte Folge: der Holzschuh. Work in progress, Arbeitsbericht eines Schuhmachers, Rob Schölte, der Holländer, führt uns den kleinen Einakter vor. Aus Bilderrahmen, üppig und protzend, zimmerte sein Landsmann Niek Kemps einen Tempel der Eitelkeiten. Ein roter Lippenstift, ein goldener Kugelschreiber, ein Schneckenhaus und ein auf dem Kopf stehendes Ei im Becher thronen in den vier Nischen „The broken spirit“ oder „The shattered image“ heißen die Inschriften. Ein vielfach gebrochenes Memento Mori der Moderne. Sogar Mathematik wird uns vorgeführt. In mal schlankeren, mal runderen, satt rehbraunen Haselnüssen ausgelegt, finden wir den über dem rechtwinkligen Dreieck errichteten Pythagoreischen Lehrsatz, doppelbödige Meditation von Mel Bochner über die Weisheit der Pythagoreer und deren Lehre, die Zahl sei der Schlüssel zu aller Wirklichkeit. Denn, was wäre realer als eine schmackhafte aber doch nie runde Haselnuß.

Merkwürdig streng und blaß, wie verloren wirkt in diesem Zirkus des Bildwitzes und Hintersinns, des manchmal pathetischen, manchmal philosophischen Kunstkabaretts die zurückgenommene, minimalistische „Pyramide“ (1985) von Sol Lewitt. Irrläufer einer anderen Kunstzeit? Ganz anders der Abguß eines Ausgußloches von Marcel Duchamp: zierlich und silbrig glänzend liegt er in der Vitrine. Beschützte Reliquie für die Jüngeren, die hier sichtbar Nachfolgenden.

Hört man, woher diese erfolgreiche Ausstellung stammt, dann scheint ihr Geburtsort fast am Ende der Kunstwelt zu liegen. 1986 war die von der rührigen Galerie Bonomo zusammengestellte Kollektion zuerst im Castell Svevo von Bari (Italien) zu sehen. Dort wurde sie in schönen alten Räumen, zwischen dicken ungekalkten Mauern gezeigt, gastierte sie danach an unterschiedlichsten Orten, in Athen, Florenz, Genf und Spoleto, Aixen-Provence und Los Angeles. Und immer, so hört man, paßte sie sich den neuen Räumen ohne Mühe an. Von Station zu Station begleiteten die Bonomos ihre Schätze, transportierten das eine oder andere Werk im Handgepäck, wie Carl Andres zierliches Meanderband aus Messing oder das Video von Peter Fischli und David Weiss, ein überlaufend, weiterrollend, umkippend, weiterrollend, zischend und sprühend sich endlos fortsetzendes Gleichnis vom „Lauf der Dinge“. Sicher, sie verkauften unterwegs das eine oder andere Stück, ergänzten es jedoch sogleich, ja vermehrten die Sammlung. Alles in allem eine durchaus angenehme Zweckehe zwischen Geschäft und Kulturbetrieb. (Neuer Berliner Kunstverein bis zum 29. April; Katalog 25 Mark) Elke von Radziewsky