ARD, Donnerstag, 16. März: "Das Celler Loch"

Diesen Krimi schrieb der Verfassungsschutz. Nach ihrer Großtat im Herbst 1977 sollte die GSG 9 gleich noch einmal gegen den Terror einschreiten – diesmal, indem sie selbst bombte. Das Loch an der Haftanstalt Celle, angeblich von Genossen des Terroristen Debus zu dessen Befreiung in die Mauer gesprengt, war vom Bundesamt befohlen und von der Spezialeinheit ausgeführt worden – aber nicht, um jemand heraus-, sondern um drei V-Leute hineinzuschleusen: in den inneren Kreis der RAF.

Das "Celler Loch" war als "Eintrittskarte" in die Terror-Szene gedacht, als Beweis der drei Spitzel, daß es ihnen ernst sei mit der Anarchie. In den Zeitungen stand davon natürlich nichts aber die Berichte vermerkten wohl, daß jenes Loch kaum geeignet gewesen sei, Debus oder sonstwem den Weg in die Freiheit zu öffnen.

"Diese Terroristen", mag der deutsche Zeitungsleser damals sein Haupt geschüttelt haben, "sind auch noch Amateure." Inzwischen weiß man, daß damals der Verfassungsschutz nicht nur die Celler Gefängnismauer, sondern obendrein sein Ansehen, mehrere Lebensläufe und seine Beziehungen zu ausländischen Geheimdiensten beschädigt sowie wenn nicht rechtsstaatliche Grundsätze, dann doch die elementaren Regeln des gesunden Menschenverstandes suspendiert hat. Im Grunde ist es ein Wunder, daß keine größere Katastrophe stattfand – sieht man einmal von der Beförderung der Hauptverantwortlichen ab.

Alles, was schiefgehen kann bei einer Aktion wie dem "Feuerzauber", ging schief – und mehr: Die V-Leute waren die Falschen, da gewöhnliche Knackis und "draußen" prompt rückfällig; die "Zielpersonen" waren die Falschen: harmlose Mitmenschen, die sofort Verdacht schöpften. Debus als Zentralfigur war der Falsche: Er gehörte der RAF gar nicht an. Und das Loch saß an der falschen Stelle. Dennoch verteidigte Ministerpräsident Albrecht mit Sätzen wie "Die wehrhafte Demokratie ist keine Phrase" die Staatsbombe. Büßen übrigens mußte für den Aberwitz Debus, der nicht mehr lebt – seinerzeit bekam er Haftverschärfung.

Gerhard Bott und Christa Ellersiek hatten hier einen Stoff zu verfilmen, der nicht nur unsäglich, sondern auch ohne Bilder geblieben ist. Was gibt es da zu zeigen? Die Anstalt in Celle, das Loch (Archivbild), die Portraits der V– und Hintermänner, Statements von Albrecht, von den "Zielpersonen", alte "Tagesschau"-Szenen. Das ist schon fast alles. Und doch: Es war ein Film, ein Beispiel dafür, wie man sich behelfen kann, wenn Bilder fehlen. Man erfindet welche, zeigt Schatten hinter hellen Fenstern, Straßen, auf denen dies oder das hätte passiert sein können, ein Auto, einen Wachturm, einen Gang im Knast.

Wenn solche Behelfsbilder ohne Kameraverrenkungen, quasi en face und kurz vorgeführt werden, begleitet von einer Geräuschmischung aus Hubschraubergetöse, Martinshorn, Glocken, quietschenden Sohlen und der Stimme des Autors, der seine Geschichte in knappen Sätzen darlegt – dann wird doch was zum Zugucken draus. Allerdings verbot der Stoff Entspannung im Fernsehsessel. "Diese Verfassungsschützer", denkt sich der Zuschauer, "sind auch noch Amateure." Und er weiß nicht, ob er darüber besorgt oder froh sein soll.

Barbara Sichtermann