ZDF, Dienstag, 28. März, 22.45 Uhr: "Nachtfalken", Fernsehfilm von Ron Peck und Paul Hallan

Aus dem Tagebuch eines homosexuellen Lehrers in London. Tags die Kinder, denen er sein Fach Geographie anschaulich macht, mit Photos, die er in ausgestorbenen Hafenregionen der Stadt aufgenommen hat. Abends die Partnersuche in den einschlägigen Bars und Diskotheken. Hier treffen sich die "Nachtfalken", die zu schön, zu grazil, zu weich sind, um ganz in die Welt zu passen. Der Film schildert ausführlich dieses zweite, das Nacht-Leben des Lehrers, und nach und nach gewöhnt man sich an die Bilder der tanzenden Gays, hört auf, sie mit Bildern von "normalen" Pärchen zu vergleichen, nimmt sie als das Besondere wahr, das sie sind. Wenn der Schock vorbei ist, wagt man die bizarre Schönheit dieser Wesen zu sehen und die besondere Atmosphäre, die ihre nächtlichen Beuteflüge umgibt. Ihr Außenseitertum bringt sie einander auf flüchtige Weise nah in den Bars; mit einem belanglosen Smalltalk ist man sich rasch einig, für den Rest der Nacht zusammenzubleiben. Man flieht zueinander um dieser Nähe willen und verabschiedet sich mit gut überspielter Verlegenheit, wenn es wieder Tag ist, wenn man wieder in die Welt passen muß als Herr X und Herr Y.

Der Londoner Lehrer paßt sich besonders eifrig an, wir lernen ihn als zurückhaltenden, netten Kollegen kennen, der gerade von seinen Kolleginnen gern ins Vertrauen gezogen wird. Ein unscheinbarer Mensch, etwas bläßlich, etwas leise und mit einem Gesicht, das nie eine Spur von Freude oder Zorn zeigt, ein Gesicht, das immer zu weinen scheint. Er zeigt seinen Schülern die leeren Wohnsilos und verfallenden Werften, immer wieder zieht es ihn dorthin, um zu photographieren oder auch nur durch die Linse zu gucken, ausdauernd die tote Stadtlandschaft abzusuchen. Er sucht das häßliche Gesicht der Stadt wie eine Bestätigung. Dann kehrt er zurück ins Getriebe, hinab in die Bars und die Wohnstuben seiner rasch wechselnden Bekannten, hinauf zu den Kindern und Kollegen, die ebensowenig wie seine Eltern von dem "Makel" wissen.

Dies Doppelleben, diese flüchtige Nähe, dies ewige Auf-der-Suche-sein, wie lange kann man das durchhalten? Wie lange kann man diese distanzierte, smarte Männer-Fairness aufrechterhalten, wo es ums Ganze geht, um die tiefsten Gefühle, zu denen ein Mensch fähig ist? Die Spannung des Films kommt aus der Wiederholung; ein unerträglicher Kreislauf schnürt den kleinen Lehrer immer fester ein. Seine Liebkosungen werden rituell, seine Stunden werden es auch, sein Gefühl hat sich, so scheint es, völlig verflüchtigt. Wie er da nach Mitternacht im Discokeller steht, umspült von trostloser Musik, da liegt in seinen immer noch suchenden Augen das Ende aller Tage und Nächte, da lebt nur noch die Stadt weiter, die ihn nicht braucht.

Die Gays sind so austauschbar geworden, daß er sofort per Telephon Ersatz beschaffen kann, als einer ihn beim Dinner versetzt hat. Er telephoniert mit den fahrigen Gebärden eines Süchtigen, der unter Entzug steht. Doch er bekommt auch diesmal seine Droge, den schnellen Sex, den netten Kerl. Die Stadt ist voller netter Kerls. Mit aller Konsequenz leben sie die allgemeine Perspektivlosigkeit und Unverbindlichkeit, sie haben den netten urbanen Plauderton auf den Lippen und die große Tristesse in den Augen. Sie leben das heulende Elend der Stadt.

Martin Ahrends