Die Troika: drei Menschen – oder eigentlich vier – drei Zeiten, drei Orte.

Moskau, dreißiger Jahre: Die Kinder deutscher Kommunisten und eines Amerikaners begegnen sich: Konrad Wolf, genannt Koni, Sohn des Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf. Lothar Wloch, genannt Lotka, Sohn eines kommunistischen Arbeiters aus Berlin, der konspirativ gegen die Nazis arbeitete und gleichwohl Stalins Säuberungen zum Opfer fiel. Und Viktor, genannt Vitja, Sohn des amerikanischen Journalisten Louis und der Baltin Maruscha Fischer. Später nimmt dessen Bruder George, genannt Juri, den Platz von Viktor ein.

Berlin, die Nachkriegsjahre. Koni ist Leutnant der Sowjetarmee, hat russische Staatsbürgerschaft, und kommt mit dem Land seiner Geburt, gegen das er gekämpft hat und das er noch nicht auf dem Weg der Umkehr sieht, nur schwer zurecht. Lothar hat durch Stalin den Vater und durch den Hunger die Mutter verloren; er war noch vor Kriegsbeginn nach Berlin zurückgekehrt und hat in der deutschen Luftwaffe gekämpft. George ist Captain der US-Armee.

New York 1975: Konrad ist einer der profiliertesten Filmregisseure und Präsident der Akademie der Künste der DDR. Lothar ist erfolgreicher Bauunternehmer in West-Berlin. George hat sich vom exponierten Sowjetologen zum linksliberalen Soziologen gewandelt. Lothar, der das Treffen in den USA organisiert hat, „als ob sein Leben auf dem Spiel stünde“, muß in einer Kneipe im Greenwich Village erleben, daß Juri und Koni, die bärtigen Intellektuellen, sich besser verstehen als er jeden von beiden: „Überraschend steht er allein da, befindet sich im Abseits.“ Er bricht zusammen, nennt den einen einen Theoretiker, den anderen einen Schmarotzer, vergleicht beide mit Faschisten. Am Ende fliegen Koni und Lothar noch nach Alaska, zu Vitja, der jetzt Vic heißt – die ursprüngliche Troika ist wieder beisammen. Sie wird sich nie wieder treffen.

Welch ein Stoff für einen Film! Konrad Wolf hat ihn geplant. Bis zum frühen Tod im Jahre 1982 beschäftigte ihn das Thema. Zurück blieb eine schwarze Mappe mit Material. Ein großer Roman hätte daraus werden können, in dem der innere Wandel der Protagonisten, ihre Konflikte untereinander, mit sich selber, mit ihren Welten und schließlich fast ein halbes Jahrhundert Geschichte vielleicht noch eindringlicher hätten dargestellt werden können. Markus Wolf, genannt Mischa, jahrzehntelang Spionagechef der DDR, hat daraus einen chronologischen Erlebnisbericht von nicht mehr als 80 Seiten gemacht, ergänzt um einen Epilog und eine Dokumentation.

Die Botschaft soll wohl heißen, daß Freundschaft auch über alle Systemgrenzen hinweg möglich sein kann. Doch was die Freunde bewegt, wie ihre Freundschaft entstanden ist, warum sie so lange gehalten hat – all das ist trotz einigen Bemühens nur vordergründig erkennbar. Es konnte vielleicht auch nicht anders sein. Markus Wolf ist kein Schriftsteller. Und er hat zu wenig Abstand. Er weiß wohl auch, daß ein Hohelied der Freundschaft aus dem Munde eines Mannes sehr seltsam klingen würde, zu dessen Metier es gehörte, Vertrauen, Freundschaft, auch Liebe, im Interesse seines Staates zu mißbrauchen. Dennoch ist dieses Buch erkennbar ein Freundschaftsdienst – für Konrad, das „Brüderle“, dessen Tod Markus Wolf offenbar sehr getroffen und auch nachdenklich gemacht hat.

Dabei war beider Verhältnis nicht spannungsfrei. Zu Konrad kamen all die Schriftsteller und Künstler, wenn sie ideologische Bauchschmerzen hatten. Damit konfrontiert, argumentierte Markus dann mit seinem besseren Kenntnisstand. Den hatte er sicher nicht nur hinsichtlich der verschlungenen Gedankengänge und sehr realen Ängste der Parteiführung, sondern auch über die Stimmung im Volk. Wenn er im Epilog dafür plädiert, „das Ohr an den Massen zu halten“, dann klingt das unfreiwillig doppeldeutig. Der „VEB Horch und Guck“, dessen Leitung Wolf angehörte, hat seine Ohren ja überall.