Jeder ist irgendwann dran. Diesmal hat es Golo Mann erwischt: Es ist ein runder, ein sehr runder Geburtstag. Der Fischer Verlag hat zu seinem 80. Geburtstag einen Sammelband der „Aufsätze und Reden zur Literatur“ aus sechzig Jahren herausgebracht.

Schade, daß es noch immer keine Gesamtausgabe seiner Werke gibt. Was für ein Jammer, wenn irgendeines der nicht so berühmten, aber ganz unentbehrlichen Bücher wie beispielsweise die 1973 erschienenen „12 Versuche“ mit den großartigen Portraits vergriffen wäre und junge Menschen diese meisterhaften Essays: Heinrich Heine, Georg Büchner, Helmut James von Moltke... nicht mehr lesen könnten; oder Konrad Adenauer, den er sehr verehrt und von dem er beim Vergleich mit Bismarck sagte: „Bismarck war ein Artist, ein verwegener Spieler, der mit vielen Bällen auf einmal jonglierte. Adenauer trug einen einzigen in festen Händen, immer in die gleiche Richtung.“

Ihm selber ist wohl immer noch sein Friedrich von Gentz am liebsten. Für mich war der größte Eindruck die vor 27 Jahren herausgekommene „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“. Da habe ich erst voll verstanden, wie wichtig Geschichte ist und was es mit den Deutschen auf sich hat. Wahrscheinlich war es für mich aus genau dem Grunde so einleuchtend, aus dem Golo Mann in der Zunft nicht so geehrt ist, wie man meinen sollte. Er ist ihnen nicht wissenschaftlich genug, hält auch nichts von Fußnoten. Aber was für ein wunderbarer Erzähler, was für ein herrlicher Schriftsteller!

Wem es ums Begreifen geht, der lernt bei Golo Mann mehr als bei vielen anderen. Vielleicht auch darum, weil Intuition und Erfassen für ihn soviel wichtiger sind als die Analyse. Darum hat er sein Leben lang mit Karl Marx nichts anfangen können und dessen Epigonen gern bespöttelt. Dabei ist sein eigener Bogen sehr weit gespannt, sein Respekt gilt der Fürstin Lichnowski ebenso wie Hannah Arendt. Ideologien sind ihm ein Greuel.

Viele Jahre seines Lebens hat er auf den Wallenstein verwandt. Als Zehnjähriger las er Schillers „Dreißigjährigen Krieg“, seither hat Wallenstein ihn nicht mehr losgelassen. Er hat Böhmen kreuz und quer bereist, um die Landschaft zu erfahren und die Wege zu erkunden, die jener gezogen war. Aber Golo Mann bleibt nicht in der Geschichte stecken. Er gibt bereitwillig Auskunft und Interviews zu aktuellen Fragen. Schon in den 60er Jahren bestand er auf einer aktiven Ost-Politik.

Er gehörte auch zu den ersten, die jetzt überzeugt waren, daß Gorbatschow die Neue Politik nicht vortauscht, sondern sie wirklich will. Den Historiker-Streit hält er „für vollkommen irrelevant, unnötig und sinnlos. Was da behauptet wurde, nämlich, daß es in der Weltgeschichte sehr häufig abscheulich und mörderisch zugegangen ist, wußten wir doch längst. Trotzdem bleibt Adolf Hitler völlig einzigartig.“

Golo Mann war wahrscheinlich nie ein fröhlicher Mensch, aber die Ereignisse, die ihn 1933 aus Deutschland vertrieben, haben ihn wohl in solcher Tiefe getroffen, daß er zu einem eher schwermütigen Menschen geworden ist. Seine Neugier aber, der Trieb, den Dingen auf den Grund zu gehen, hat ihn nie verlassen. Noch als Siebzigjähriger hat er Spanisch gelernt, um seiner Leidenschaft für dieses Land gründlicher nachgehen zu können.

Dff